Im Kuhgang

Generationen von Philosophen und Sozialwissenschaftlern haben sich an einer exakten Definition des Politischen versucht. Max Weber sprach einmal vom „langsamen Bohren dicker Bretter“, und kritische Geister beklagen hin und wieder das „Schneckentempo“ der Reformpolitik. Sollte Politik per se starr oder zumindest saumselig sein? Neunzig sozialistische und kommunistische Abgeordnete des japanischen Oberhauses haben diese Vermutung am letzten Wochenende in einem praktischen Experiment bestätigt. Gyuho senjutsu nennt sich das Verfahren, zu deutsch „Kuhgang“. Um gegen die Verabschiedung des UN-Truppengesetzes zu protestieren, das demnächst japanische „Blauhelme“ zu entsenden erlaubt, beteiligten sich diese Parlamentarier in einer beispiellosen Bewegungslosigkeit an dem Abstimmungsvorgang. Nur wer sehr genau hinsah, konnte erkennen, daß sie sich bloß millimeterweise der Urne näherten. So vergingen sage und schreibe fünfzig Minuten pro Stimmabgabe. Einige Parlamentarier schliefen mit offenen Mündern ein, andere nahmen Vitamingetränke zu sich. Zur Toilette, um die Notdurft zu verrichten, durfte niemand. Die Qual hat sich gelohnt, der Beweis ist erbracht: Im Wesen der Politik steckt die Langsamkeit.

Ohne Farbwechsel

Symbole werden mitunter sehr ernst genommen: Als im Osten noch die Kommunisten regierten, waren dort die Brausen aus dem Hause Coca-Cola tabu – als Inbegriff des kapitalistischen und dekadenten Westens. Konkurrent Pepsi, nicht ganz so bekannt, nicht ganz so mit dem American way of life identifiziert, tat sich da leichter. Doch jetzt setzen die Sprudelwasserbarone aus Atlanta zur gnadenlosen Aufholjagd an. Sie dürfte viele hundert Dollarmillionen kosten, denn schließlich locken auch Millionen durstiger Kehlen. Armes Osteuropa, wird da mancher klagen. Jetzt, da die Roten endlich weg sind, flattern schon wieder rote Flaggen über den Boulevards, Coca-Cola-Rot diesmal. Der ehemalige Ostblock gerät vom sozialistischen Regen in die braune Brühe.

Goldener Drache

Der letzte Wunsch vieler Chinesen, die im Ausland leben, konnte bislang nicht in Erfüllung gehen: ein Grab in der Heimat mit einer traditionellen Beerdigungsfeier. Im kommunistischen China sind aufwendige religiöse Zeremonien verboten. Das Krematorium ist der einzige Weg ins Jenseits. Das amerikanische Nachrichtenmagazin Time vermeldet jetzt eine sensationelle Wende in der chinesischen Begräbnispolitik. Harte Währung macht es möglich. 4000 Dollar soll ein Beerdigungsplatz im Tal des Goldenen Drachen kosten, bei Hualong, einer Stadt 130 Kilometer von Peking entfernt. Insgesamt 10 000 Plätze sind im Angebot. Nach der feierlichen Bestattung darf der Tote dann für die Ewigkeit mit vier Kaisern, neun Kaiserinnen und 57 Konkubinen zusammen liegen.