Lange genug hat es ja gedauert, ehe aus dem vagen Kabinettsbeschluß von 1977 ein konkretes Projekt geworden, dann ein Bauplatz gefunden, ein Architektenwettbewerb gewonnen waren und der Bundeskanzler zur Maurerkelle langen konnte. Am 17. Oktober 1989 legte er den Grundstein zur Bundeskunsthalle, auf den Tag genau vierzig Jahre, nachdem sie, tatsächlich, zum erstenmal erwogen worden war. Endlich.

Zu spät! Fünf Wochen darauf waren die Berliner Mauer – und damit die Würfel gegen Bonn gefallen. Die Bundeskunsthalle der ausdienenden Bundeshauptstadt war, kaum daß die symbolische Handlung gefeiert war, nur noch ein Kuriosum. Es nun auch sarkastisch zu vollenden und den prächtigen Bau nicht am 19., sondern schon am 17. Juni, dem alten Schwurtag auf die Einheit der Nation, zu eröffnen, dazu hatte die Regierung, natürlich, ebenso wenig Kraft wie vorher den Mut dazu, den Grundstein wieder auszugraben oder zu vergessen – wie das ganze überflüssige Projekt.

Nun ist die "Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland" ebenso wie das redlich verdiente und auch dringend notwendige Kunstmuseum der Stadt Bonn, mit dem sie jetzt ein eifersüchtiges Paar bildet, vollendet. Was immer sich daran aussetzen läßt: Zum erstenmal seit Jahrzehnten geschieht es, daß Bonn mit einer außergewöhnlichen Architektur und gleich doppelt von sich reden macht – nach all den fürchterlichen, belanglosen, haarsträubend schlechten Bauten, die sich der Bund und die Stadt als Bauherren hier geleistet haben.

Es ist zugleich die erste, viel zu späte Anstrengung, der (an dieser Stelle Friedrich Ebert-Allee heißenden) Bundesstraße 9, die hier zwischen Bonn und Bad Godesberg das Regierungsviertel durchlärmt, mit Gebäuden eine raumbildende Fassung zu geben. Denn bisher war die gestaltlose Straße das, was in Amerika ein strip ist: Bauspekulations- und Planungs-Wildnis. Das städtebauliche Desaster gibt Zeugnis von einer zu hauptstädtischer Planung unfähigen Politik; sie hat Bonn so lange ramponiert, wie die Bundesrepublik existiert.

Nun also spricht man in Bonn über zwei Bauwerke. Sie stehen sich, durch einen Platz getrennt, wie Fremde gegenüber und sollten doch ein Ensemble bilden. Hätten sich die Auftraggeber von Stadt und Bund an den Vorschlag des Architekten Axel Schultes gehalten, der den Wettbewerb (damals noch für das Büro Bangert, Jansen, Scholz und Schultes) gewonnen hatte und sich beim Entwurf des Kunstmuseums schon Gedanken um den Nachbarn hatte machen müssen, wäre mehr als das bloße Nebeneinander zweier Kunsthäuser zu erwarten gewesen: eine gescheite Verknüpfung. Statt dessen wurden die beiden etwa gleich großen quadratischen Gebäude jedes für sich errichtet.

Da der Wiener Architekt Gustav Peichl, Gewinner des Wettbewerbs um die Bundeskunsthalle, einen festungshaften Bau entworfen hat und den Platz, den er mit zu gestalten bekam, vor allem darauf bezogen hat, nutzte der Berliner Schultes eine der ihm im Laufe der Jahre aufgenötigten Änderungen an seinem preisgekrönten Entwurf auch dazu, sein Gebäude dem strengen Nachbarn gegenüber zu öffnen, man kann auch sagen, Dialogbereitschaft zu inszenieren. So glückte ihm, wie unwillig auch, eine geradezu übermütige, die Strenge seines Bauwerkes überspielende Außenraum-Architektur. Sie zeigt sich in einem spitz züngelnden Dach, das wie nebenbei von einer Anzahl langer schlanker, scheinbar willkürlich plazierter Säulen getragen wird und einen offenen Hof schützt. Während am Gebäude nebenan sechzehn rostige Stahlrohre schnurgerade vor der Fassade paradieren, stehen Schultes helle Betonsäulen lässig herum.

Freilich muß man auch Peichls ernsthafteres Säulen-Motiv nennen: Sie symbolisieren ja nicht bloß die sechzehn Bundesländer, sie waren ein schlüssiger Reflex auf die lange, rhythmisch durchbrochene Mauer, die Schultes seinem Museum anfangs als Barriere gegen die lärmende B 9 vorgefügt hatte. Aus seiner Mauer ist nun ein schmales Gebäude geworden, in dem die Verwaltung arbeitet, und sie schützt den durch den Komplex führenden Hof.