Alles, was da geschieht, geschieht nach Verbandsrecht und -gesetz, welches, wenn auch mit wackligen Buchstaben, so doch irgendwie, irgendwo geschrieben steht. Und doch wachsen mit jeder Nachricht, die der vorolympische Wirbel zum Fall der des Dopings beschuldigten Neubrandenburger Sprintweltmeisterin Katrin Krabbe produziert, Unbehagen und Zweifel daran, ob ihr mit alledem denn tatsächlich noch recht geschieht, der Katrin Krabbe.

Was den Dopingverdacht angeht: Die Indizien sind schier erdrückend, bewiesen, im juristisch strengen Sinne bewiesen, ist die Sache nicht. Doch über „Schuld“ oder „Unschuld“ der Katrin Krabbe soll hier nicht gerätselt oder gerechtet werden. Unterstellen wir einmal, daß sie getan hat, was ihr vorgeworfen wird – und daran scheint in der Tat kaum ein vernünftiger Zweifel möglich –, so erscheint an der Art der öffentlichen Verfolgung des Delikts gleichwohl einiges bedenklich. Was da passiert, ist Recht und Unrecht zugleich. Und eine schreckliche Farce obendrein.

Da ist, muß man sich vorstellen, ein Kind ganz anderer Denkungsart, ein Sportstar aus dem Schoß der DDR, großgeworden in der einschlägigen Fürsorge des Systems, folglich niemals angekränkelt von dem Gedanken, die zum höheren Ruhme erfolgreich angewendeten Methoden könnten verwerflich sein – und sieht sich, unfreiwillig gewendet, plötzlich unter irritierenden Bedingungen auf die Seite derer verschlagen, gegen die es bisher hauptsächlich anzutreten galt. Was soll, um aller olympischen Götter willen, ein Mensch in dieser Lage eigentlich anderes tun, als zu versuchen, so weiterzumachen wie bisher?

Es tut sich, muß man sich vor Augen halten, hinter dem Neubrandenburger Sündenfall ja keineswegs das weite Feld der Unschuld auf. Die Nachhilfe mit der chemischen Keule im Sport ist keine von Grund auf sozialistische Errungenschaft. Flinke Hände und Füße haben sich auch hierzulande und überall verbotener Mittelchen bedient, immer schon und immer noch. Freilich nicht so systematisch und darum nicht ganz so erfolgreich. Weshalb denen im Westen, wenn sie sich nun zu Richtern aufschwingen, das Mißtrauen entgegenschlägt, sie präsentierten auch eine Rechnung, wo sie Recht exekutieren.

Das Mißtrauen ist begreiflich, aber gewiß unbegründet. Viel lieber würden doch, das darf man glauben, all die ehrenamtlichen Hüter über einen sauberen Wettstreit mit den Talenten wuchern, die ihnen da unter die Fittiche gekommen sind. Merke: Die Medaille, die Katrin Krabbe möglicherweise entgeht, entgeht ja auch den Funktionären.

In diesem Zwiespalt der Empfindungen zeigt sich das ganze Dilemma dieses Athletikbetriebs. Sie opfern eine wie die Krabbe – und die eine oder den anderen noch dazu, aus Ost wie West, gerechterweise, selbstverständlich – ihrer Vorstellung von einem heilen Sport, an den sie selber gar nicht mehr glauben. Wie er, seien wir ehrlich, auf dieser Welt auch gar nicht mehr realisiert werden kann.

Von den Rechtsinstanzen des Sports ist das Heil nicht zu erwarten. Sie urteilen ungereimt. Erst gesperrt, dann freigesprochen, sah sich Katrin Krabbe alsbald von der Drohung des übergeordneten Rechtsorgans des internationalen Verbandes eingeholt, es werde den Freispruch wohl nicht akzeptieren. Entscheidung Ende Juni. Herr Samaranch aus Spanien ruft indessen unbekümmert dazwischen, er wünsche sich eine Teilnahme der Krabbe in Barcelona auf jeden Fall.

Zögernd hat die Delinquentin zum Wochenende ihren Start bei den Deutschen Meisterschaften angekündigt, für alle Fälle: letzte Chance einer Qualifikation für Olympia. Reporter aus den USA, Japan, Italien haben sich angekündigt. Die Aasgeier kreisen über der Laufbahn. Adieu Katrin. Aloys Behler