Wer in gehobener Stellung gezwungen ist, gezielt zu denken, und dabei gelegentlich fürchtet, zu bedenkende Probleme nicht in gewünschter Weise zu Ende denken zu können, fertigt sich selbst und seine gespannten Zuhörer zuweilen nachdenklich damit ab, das Problem doch erst einmal „andenken“ zu müssen. Den Problemen angemessen wäre es, sich ihnen zu nähern; „andenken“ ist nichts als eitles Wortgehabe, das dem Denken Ernst und Würde nimmt und Bescheidenheit vorspielt, wo Mittelmäßigkeit Ge-Das sogenannte „andenken“ werkelt aber nicht mehr für sich allein. Zwar hat Liebe mit Denken wenig zu tun; da sie jedoch auch ein Problem ist, zögert man geflissentlich, sie beim Wort zu nehmen: Es wird erst mal „angeliebt“. Mit „anlieben“ ist es ähnlich wie mit „anbraten“: Danach kann die ganze Portion ja nicht mehr vergammeln, beim Vollbraten wird ohnehin jede Pore zugebruzzelt.

Am Kopfende der SPD ist neuerdings von einer Neuen Nachdenklichkeit die Rede. Doch nicht genug damit: auch von einer Neuen Beweglichkeit. Hier darf getrost von einer Neuen Betulichkeit gesprochen werden.

Was auch immer aus diesem Begriffs- und Wortgemenge herauszulesen ist: Unsere Muttersprache scheint Witwe geworden zu sein und wird von andiskutierenden Zeitgeistpropheten im besten Mannesalter ruchlos angemacht.

„Klärungsbedarf“ ist angesagt, tönt es aus dem Off.