Von Rolf Michaelis

Es war einmal ... So sollten Zeitungsartikel nicht anfangen. Diesmal doch. Es ist einmal so: Ganz Hamburg ist geschmückt – Litfaß-Säulen, U-Bahn-Schächte, Werbe-Flächen an allen Straßen – mit einem seltsamen Plakat in mattem Gold und Schwarz.

Ein müdes Mädchen, dem Strähnen in die fragend gekräuselte Stirn fallen, schaut zweifelnd auf die Welt. Ein Hauskleid, ohne Kragen, schließt die schmale Gestalt ein. Kettchen um den Hals, Ring am Mittelfinger der linken Hand, Ohrringe: Keine Prinzessin macht uns hier munter, sondern eine kleine Arbeiterin, ein Puttelchen, blickt in die Welt, aufs Leben, auf ihr – auf unser Leben? Darüber wird ihr der Kopf schwer. Sie schmiegt ihn an die rechte Hand, die sie mit dem linken Arm stützt, in einer Geste, mit der sie sich zugleich gegen die Welt schirmt und sich selber scheu umarmt.

Unmöglich, so für eine Festwoche des Balletts zu werben. Doch, wenn es das schmale, bleiche Gesicht mit dunklen Augen von Gigi Hyatt ist. Die kleine Tanz-Arbeiterin, erschöpft nach einem Proben-Tag, voller (Selbst-)Zweifel auf die Szene schauend, deren "Star" sie sein soll, verführt stärker zu Tanz, Theater, Tanztheater als Beine spreizende Akrobatinnen, die uns anderswo für Ballett-Festtage anmachen. Es spricht für den seit fast zwanzig Jahren an der Hamburger Oper arbeitenden Choreographen John Neumeier, daß er, mal belächelt als Tanzmeister aus Amerika ("Westside-Story", "On the Town"), mal geschmäht als Andachts-Apostel gedankenschwer religiöser Tanz-Exerzitien ("Matthäus-Passion", "Magnificat", "Requiem"), auf diesem spröden Plakat besteht: Seine kühne, schöne, neue Deutung des alten Märchens vom Aschenputtel, "A Cinderella Story", zur Musik von Sergei Prokofjew ( ZEIT vom 22. Mai 1992), wird anschaulich schon bei Betrachtung des Plakates.

Jetzt das Groteske, Traurige: Die mit so schönem Ernst für die Uraufführung eines Tanzdramas wirbt, das John Neumeier für sie geschaffen hat, tanzt gar nicht, jedenfalls nicht am Premieren-Abend. Da humpelt sie mit einem Gips-Fuß anmutig in die erste Reihe, ganz außen, und applaudiert der Kollegin, die erst zwei Tage später, in der "B-Premiere", tanzen sollte.

A? B? Schön, daß solche Unterscheidungen nur für das überforderte Kartenbüro und für den Terminkalender der Abonnenten nötig sind. In Neumeiers Ensemble gibt es unter den Ersten Solistinnen keine zweite Wahl, ob die in Berlin geborene Deutschamerikanerin Gigi Hyatt über die Bühne wirbelt oder die aus Cuxhaven kommende Bettina Beckmann, die an der John-Cranko-Schule in Stuttgart ausgebildet und von dort 1980 sofort an das Hamburger Ballett verpflichtet wurde, wo sie sich 1986, im selben Jahr wie Gigi Hyatt, in die Spitzen-Position einer Ersten Solistin tanzte.

Oder gibt es nicht doch Unterschiede? Wie ändert sich die Titelfigur, "Cinderella", das Aschenkind, und also ihr Verhältnis zum Königssohn, den in Hamburg der hochgewachsene Manuel Legris tanzt, "Etoile" der Pariser Oper – wie ändert sich die Titelfigur in den Augen des Choreographen, in den Augen der Zuschauer, wenn einmal eine junge Frau mit dunklem