Von Martin Merz

Seine Stimme klingt rauh und strapaziert, Leonardo Boff strengt sie so lange an, bis gesagt ist, was er sagen muß. Auf dem Weg vom schwedischen Lund, wo man dem Priester und Professor der Theologie einen Doktorhut honoris causa aufgesetzt hat, macht er halt in Hamburg, für einen Abend, eine Nacht. Am Morgen fliegt er zurück nach Brasilien, nach Petropolis im Bundesstaat Rio de Janeiro. Und jedem Wort seiner Theologie ist anzumerken, wo er zu Hause ist.

Leonardo Boff lebt einen atlantischen Spagat. Der Brasilianer mit Südtiroler Vorfahren wurde bei Karl Rahner in München geschult, dann sammelte er als Exponent der lateinamerikanischen Befreiungstheologie römische Erfahrungen durch die Maßregelungen der Glaubenskongregation. Seine Bücher, geschrieben, um die befreiende Praxis der movimentos populäres voranzutreiben, sind in Deutschland theologische Bestseller.

In der Hamburger Katholischen Akademie erzählt er prophetisch gedrängt vom Leben und Glauben der Armen seiner Heimat. Nicht in geschliffenem Vortrag, nicht in theologischer Manier systematisch fundiert bis zur Unverständlichkeit, sondern anstößig spricht er, den „Besserwissenden“ in Deutschland seinen Sozialismustraum aus marxschem Vollbart vorschwärmend, fast brutal, wenn er Beispiele der Kolonisationsgreuel zu berichten hat; und gerührt, weich wie ein zärtlicher alter Bär von den marginalisados, den aus den Zentren der Städte, der Macht und des Marktes gedrängten Frauen und Männern. Mit ihnen zusammen träumt er am liebsten. Und dann ist für ihn der gute Gott im Himmel so wirklich wie dessen unbehauste Kinder in den Straßen von Rio.

Die Akademiechristen hören dankbar zu. Boff verkörpert für sie die „andere“ Kirche, die Kirche auf der Seite der Privilegierten Jesu, der Armen – Charisma abseits der Macht. „Wenn wir von den Armen und an den Rand Gedrängten ausgehen, können wir sicher sein, daß wir dort sind, wo Gott selbst sich befindet.“ Boff erfüllt die Erwartungen. Seine Theologie klingt verständlich. Ist sie das?

Am späten Abend, als die kritischen Christen den Vortrag mit gutem Wein verdauen und Boff Ruhe sucht in den Stunden bis zum Abflug, bekundet er Zweifel: „Um verstehen zu können, was die ökonomische und politische Armut in Brasilien bedeutet, müssen wir die Armut auf eigener Haut erfahren.“ Mit leiser Stimme zählt er auf: „Man muß den Geruch des Armen riechen, seinen Körper berühren, essen, was er ißt, in seiner Hütte schlafen und seine Träume träumen. Dann erst werden wir merken, daß der Arme nicht nur arm ist und unterdrückt, sondern daß er anders ist als wir, freier, er lebt in einer anderen Welt. Und diese Erfahrung ist der Paß, um in seine Welt einzutreten.“

Boff erwarb sich den Zugang als Seelsorger, betrieb theologische Grundlagenforschung in den Elendsvierteln der zona norte von Rio, im Rücken des steinern kalten Christus auf dem Corcovado, dessen ausgebreitete Arme nur die zona sul segnen: Copacabana, Leblon, Ipanema, die Viertel der Reichen. Auf dieser Welt gibt es zwei Klassen, die Habenden und die Habenichtse – in Rio hat Leonardo Boff es gelernt.