Von Brigitte Seebacher-Brandt

Schon wieder ein neuer Glotz? Man reibt sich die Augen und überlegt, welch wendigem Geist eine so flotte Feder zugehören möge. Kaum ist „Der Irrweg des Nationalstaats“ abgeschritten, marschiert nun „Die Linke“ auf, jenes Wesen, das der Autor als bekannt voraussetzt. Welche Linke er meint? Wen und was sie umfaßt? Glotz zieht sich hinter seinen geistigen Ziehvater zurück; Jürgen Habermas hatte einst, lange vor dem Zeitenwechsel, verfügt: „Das weiß doch jeder, was links ist.“ So ganz sicher aber scheint sich Glotz nicht zu sein, denn einen Absatz lang versucht er, linke und rechte „Denkstile“ gegeneinander abzugrenzen. Richtig und von Belang ist einer: Während sich die Rechte „auf das Leben“ berufe, gehe die Linke „von einer rationalistisch-deduktiven Denkweise“ aus. Deren Illustration dient dieses Buch. Gedacht wird viel, gelebt – Leben als Inbegriff dessen, was den Menschen bewegt – allerdings kaum.

Glotz will Europa, so es das Ende des Nationalstaats bedeutet, und er will die Hegemonie der Linken in diesem Europa. Es werden Entwürfe geliefert – von Europa und von der Linken, und wehe denen, die seinem Modell nicht nacheifern. Den Akteuren von Maastricht hält er vor, daß sie nicht die Gunst der Stunde genutzt und die Politische Union – die westeuropäische Trutzburg gleichsam – unter Dach und Fach gebracht hätten! Soll man ihm zugute halten, daß sein Manuskript abgeschlossen war, bevor die Dänen ihr „So nicht“ sprachen und andere westliche Völkerschaften Zweifel anmeldeten? Gewiß nicht. Er hätte nur noch mehr geschimpft. Denn was bleibt einem, wenn Soll und Haben immer weiter auseinanderklaffen? Vielleicht ein Blick in die Geschichte? Aber der entnimmt einer wie Glotz nur, was er ihr entnehmen möchte. Er meint, Europa sei auf Supranationalität immer angelegt gewesen. Das aber war es nur sehr bedingt. Peter Glotz wird nichts anderes übrigbleiben, als sein antinationales – oder nur sein antideutsches? – Weltbild zu überprüfen, andernfalls er zwar immer noch Pamphlete schreiben kann, aber keine mehr, die zu besprechen sich sonderlich lohnte. Denn hängt nicht die Linke, um die es ihm zu tun ist, vollends in der Luft, wenn der Raum, den er ihr vorgibt, nur in der Phantasie existiert?

Man kann dieses wie andere Glotzsche Bücher auch von hinten nach vorne lesen oder in der Mitte beginnen und blättern – den Faden zu verlieren ist keine Gefahr. Wer alle seine Beobachtungen, ob sie sich ineinanderfügen oder nicht, auf das eine Wunschbild projiziert, schreibt viel und findet schöne Formeln, jede für sich einprägsam, manche überaus anregend, alle zusammen ein Ganzes nicht bildend. Doch die Form gibt der Inhalt vor. Welcher Inhalt? Ihn zu bestimmen heißt, dem Geheimnis des Peter Glotz auf die Spur zu kommen. Was ist ihm die Linke? Was soll sie?

Einerseits beschwört sie keiner so oft wie er und hantiert keiner mit ihren Klischees, zumal dem der Zweidrittelgesellschaft, so heftig wie er. Das Buch strotzt von linken Redensarten. Zum Beispiel: „Ohne geschichtliches Denken, ohne einen zur Zukunft geöffneten Horizont, ohne Sensus für Utopie wird die Linke wehrlos.“ Andererseits stellt er im einzelnen, in Fragen der Technologie und auch sonst, viele rechte – auf Effizienz gerichtete – Überlegungen an, und er verlangt von der Linken so viel Realitätsnähe, daß man über deren weites Herz nur staunt. Nicht nur Betriebsrat, Vorstand müsse die Linke werden wollen! Glotz möchte einen Bund zwischen den „alten sozialdemokratischen Apparateparteien“, den „neuen grünen Bewegungen“, Achille Occhetto, dem Chef der italienischen Ex-Kommunisten, Otto Schily, Györgi Konrad, Jiři Dienstbier und – Edzard Reuter. Wie letzterer dabei seinen Konzern in der Gewinnzone halten soll, läßt er offen.

Die Linke des Peter Glotz hat manche rechte Einsprengsel, und vielleicht liegt darin sein Geheimnis und seine publizistische Wirkung. Wer sonst ziert so viele und so viele verschiedene Symposien und wer sonst so viele und so viele verschiedene Spalten – von der taz über die Bunte bis zur Welt? Seine politische Laufbahn hat darüber Schaden genommen. Ein schillernder Geist möchte ja noch angehen, aber einer, der von der Macht und denen, die sie verleihen, so wenig wissen will? Für eine volksverbundene Reformpartei ist Platz, in Deutschland und andernorts. Hätte man nur eine solche! Eine Linke aber, wie Glotz sie ausmalt, blutleer und unglaublich elitär, ist „nach dem Sieg des Westens“ sowenig gefragt wie vordem.