Von Joachim Fritz-Vannahme

Roland Dumas traute seinen Ohren nicht. „Seid ihr nun für uns oder gegen uns?“ herrschte sein amerikanischer Kollege James Baker den französischen Außenminister beim jüngsten Besuch in Washington an. Ein Berater im Weißen Haus nannte Frankreich ungeniert „einen strategischen Gegner“. Die französische Umweltministerin Ségolène Royal blieb beim Gipfeltreffen in Rio nichts schuldig: Allein die Vereinigten Staaten von Amerika blockierten das „phantastische Projekt“ des Umweltgipfels.

Ein Jahr nach der Waffenbrüderschaft im Wüstensand von Kuwait hängt zwischen Washington und Paris der Haussegen schief. Diplomaten und Politiker, Publizisten und Ökonomen liefern sich manche Szene um Gatt-Tarife oder Eurokorps, Anflugrechte und Agrarsubventionen, um die richtige Politik gegenüber dem Libyer Ghaddafi oder dem Serben Milošević. Seit sich ihre Chargen nur noch in den Haaren liegen, möchten sich Präsident George Bush und François Mitterrand lieber nicht in die Augen sehen: Sie sagten ein Pariser Treffen im Juli vorsorglich ab. Das könne die Beziehungen, erklärte ein amerikanischer Diplomat, doch nur weiter verschlechtern.

Der Zank von heute erinnert die Beteiligten prompt an den Zwist von einst: an François Mitterrands diplomatische Hartnäckigkeit am Vorabend der Operation Wüstensturm etwa, an sein klares Nein zur Strategischen Verteidigungsinitiative Mitte der achtziger Jahre oder seine flammende antiimperialistische Grußadresse „an die Söhne der mexikanischen Revolution“ gleich nach seinem Amtsantritt im Oktober 1981 in Cancün. Seine markigen Worte im Hinterhof der Vereinigten Staaten klangen für manchen amerikanischen Politiker fatal nach Charles de Gaulles keckem Ausruf „Vive le Quebec libre“ im Jahre 1966, der gleichfalls direkt vor Washingtons Nase erscholl.

Unvergessen sind auf französischer Seite die Demütigungen und das Mißtrauen von Präsident Franklin Roosevelt gegenüber General de Gaulle, die den Sprecher eines freien Frankreich während des ganzen Krieges gegen Hitler begleiteten. Seither reagierten französische Politiker aller Couleur empfindlich auf jeden allzu forschen Führungsanspruch der Amerikaner. Die Empfindlichkeit ließ mit den Jahren allerdings nach. François Mitterrand verkörpert seit seiner Nachrüstungsrede vor dem Deutschen Bundestag 1983 nicht mehr die reine Lehre französischer independance, sondern einen atlantischen Gaullismus, bei dem der Präsident je nach Lage den Akzent bald auf das Adjektiv, bald auf das Substantiv legt.

So einfach Washington jahrzehntelang der deutsche Partner erschien, so störrisch wirkte der französische, auch wenn er in allen großen Krisen zwischen Kuba und Kuwait hinter der amerikanischen Politik stand. Der Grund dafür liegt in der Geschichte: Frankreich wurde 1945 von den Alliierten befreit – Deutschland hingegen mußte besiegt werden. Nach dem Krieg prägte die deutsche Haltung gegenüber dem Gegner von gestern und Verbündeten von heute ein mitunter ergebener Atlantismus. Das ging vielleicht nicht anders – und konnte die französische Haltung doch nicht sein. Frankreichs Umgang mit den Vereinigten Staaten war immer selbstsicher – und zugleich sentimental. An der Seine und am Hudson hält dieselbe Dame, vor gut hundert Jahren ein Geschenk der Franzosen an die New Yorker, ihre Fackel für die Freiheit empor: „Wir haben ihnen den General Lafayette geschickt, sie haben uns den General Eisenhower geborgt“, amüsierte sich einmal der Pariser Publizist Jérôme Garcin über das französischamerikanische Verhältnis: „Und sie glauben immer, daß wir auf sie herabsehen, während wir ständig fürchten, daß sie uns übergehen.“

In diesen Tagen versäumte kein amerikanischer Reporter den Hinweis, daß der neue Vergnügungspark Euro-Disneyland vor den Toren von Paris sechs Wochen nach seiner Eröffnung zwar zur Attraktion für halb Europa wurde, von den Franzosen aber nur zögernd besucht wird. Der Republikaner George Bush empörte sich über „den Sozialisten“ François Mitterrand, der die Schuld für die Aufstände von Los Angeles der Politik der Republikaner gab, die seit Ronald Reagans Amtszeit das soziale Unrecht nur verschärft habe. Derselbe Mitterrand freilich hatte bei einer Reise nach Silicon Valley 1985 fast naiv das Kalifornien Reagans bewundert und dort jenen Unternehmergeist gefeiert, den er sich nach der erzwungenen wirtschaftspolitischen Wende von 1983 auch für sein eigenes Land wünschte.