Starr schaut uns Chaplin an, aus sechzig gleichen Masken. Alle Tänzerinnen und Tänzer der Kompanie Béjart Ballet Lausanne, auch der phantastisch spielende und improvisierende Luis Albe am Flügel, haben sich eine bleiche Maske vor das Gesicht gehängt mit schwarzem Bowler und dem dunklen Schnurrbart-Strich unter der Nase.

Inmitten der stummen Schar tanzt Gil Roman („The Lover“) das verzweifelte Tanz- und Gesangssolo, eine der berühmtesten Filmszenen des großen Schauspielers und Pantomimen („Modern Times“): Im Glück des Auftritts vor zechenden Gästen eines Tingeltangels hat der arme Vagabund die Arme so verzückt geschwungen, daß die Papier-Manschetten weggeflogen sind, auf die er sich den Text seines Songs geschrieben hat. Jetzt muß er in einer improvisierten Kunstsprache singen und die Geschichte einer unglücklichen Liebe mit Grimassen, Gesten der Hände, mit dem Spiel des ganzen Körpers erzählen.

Dies ist eine der beklemmenden, auch heiklen Szenen in dem neuen Ballett von Maurice Béjart, „Charlot – Mister C...“, einer Chaplin-Revue in zwei Teilen, die jetzt bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen uraufgeführt worden ist.

Die Grundidee ist aus Filmen und Musicals bekannt: Eine Ballett-Truppe bekommt den Auftrag für ein Tanzstück über Chaplin. Jetzt kann eine Show beginnen, eine Nummern-Revue, die man am besten in den Probensaal mit seinen Spiegelwänden verlegt. So können Szenen versucht, probiert und wieder fallengelassen werden. Beliebigkeit herrscht: Manko all solcher Stücke aus dem Bühnen-Alltag.

Der sentimentale Effekt steigert sich bis zum Druck auf die Tränen-Drüsen, wenn die jüngste Tochter des alten Film-Zauberers, wenn die 33jährige Schauspielerin Annie Chaplin mit den traurigen Augen des Vaters, den schönen Zügen der Mutter, Oona O’Neill, selber die Conference übernimmt und sich tanzend, singend ins locker arrangierte Spiel mischt (Musik: Charlie Chaplin).

Annie Chaplin, Charlie Bubbles, Schauspieler und Verfasser von Drehbüchern, und Maurice Béjart haben die (englischen) Dialoge geschrieben. Im roten T-Shirt, schwarzer Trainingshose, weißen Turnschuhen schlendert Annie mit dem im Frack steckenden Charlie Bubbles herein, und nun „versuchen“, wie Béjart sein Ballett erklärt, „Tochter und der Enkel das Unmögliche zu erschaffen. Chaplin aber ist unsterblich und lebt jenseits aller Nachahmung. ‚Charlot‘ heißt Liebe, und man kann ihn nur lieben – tanzend, lachend, weinend, ihn umarmend.“

Zunächst aber gibt es die turbulente Szene des Vorsprechens und Vortanzens bei den Managern des geplanten Balletts: zirkusreif alberne Einlagen der auch sprachlich und pantomimisch hochbegabten Tänzer. Als great director tobt Martyn Fleming mit strähnigem Bart, Zylinder und Riesenzigarre über Tisch und Stühle und knallt widerborstige Kandidaten auch mal ab. Sonst beenden rotflackernde Warnleuchte und dröhnende Hupe jeden Mini-Auftritt und fegen die Kandidaten als untauglich von der Bühne.