Frühmorgens am Meer. Eine Frau mit langen blonden Haaren, locker eingehüllt in wehendes Weiß. Das Wasser umspielt ihre Fesseln. Das kleine Mädchen auf ihrem Arm blickt aufs Meer, die Frau blickt auf das Mädchen. Wasser, Haut, Haare und Sand. Glück, Frieden und wattige Wolken. Plötzlich drängt sich ein Wort ins Bild, heimtückisch lauert es auf dem Falz des Prospekts: Stahl!

Schon ist das Idyll zerstört! Man ahnt, was jetzt geschehen muß: Kanonenrohre aus Kruppstahl verdunkeln den Himmel, Frau und Mädchen werden von panzerbrechenden Granaten zerfetzt, rotglühendes Erz fließt ins Meer und bringt die Wasser zum Kochen, düstere Abgasschwaden verdrängen die Wolken ...

Aber Entwarnung: Wir falten auf. „Stahl (steht da auf zart saharagelbem Grund) – der Umweltwerkstoff“. Es ist also alles ganz anders! Wir blättern weiter. Und unser Blick fällt (der Reihe nach) auf einen sehr seltenen Schmetterling, ein fröhliches Kind, das an einer Blume kaut, einen glasklaren Bergbach auf seinem Weg bergab. Ja, all das ist Stahl! Die zarteste Versuchung, seit es Feuer gibt!

Und jetzt, im Zustand süßer Entspannung, da wir die ganze übertriebene Umwelt-Hysterie hinter uns gelassen haben und die Dinge endlich sehen, wie sie wirklich sind, ist unser Kopf frei für ein paar weitere, erleichternde Wahrheiten. Zum Beispiel: Bei Helmut Kohl und George Bush ist unser Planet in besten Händen. Die deutsche Fußballnationalmannschaft hat der GUS in Norrköping ein brillantes Spiel geliefert. Gebrauchte Joghurtbecher mit dem „Grünen Punkt“ verwandeln sich im Mülleimer auf zauberhafte Weise in ganz neue, frische Joghurtbecher mit „Grünem Punkt“. Und Stahl ist bloß ein Wort zwischen Schmetterlingen.

So könnte es immer weitergehen. Rio war nur ein kleiner Alptraum – die Zukunft leuchtet ruhig und blau. Aber wir müssen jetzt Schluß machen. Wir gehen auf die Suche nach der blonden Frau vom Meer auf dem schönen Photo – eine alleinerziehende Mutter offenbar. Vielleicht braucht sie unsere Hilfe. Vielleicht schwimmen wir bald mit ihr in den Sonnenaufgang. Während wir weg sind, überlassen wir die Verbreitung weiterer garantiert wahrer Wahrheiten dem „Stahl-Informations-Zentrum“, Postfach 10 48 42, 4000 Düsseldorf 1. Finis