Von Norbert Kostede

Türke ersticht Wolgadeutschen vorm Fahrstuhl, Iraker schlitzt schwangere Freundin auf, Roma-Kinder schlagen kranke Rentnerin, Asylbewerber vergewaltigt junges Mädchen aus Berlin – aus deutschen Landen frisch auf den Redaktionstisch.

Einzelfälle? Fremdenfeindliche Hetze?

In der Polizeilichen Kriminalstatistik für das Jahr 1991, vor zwei Wochen von der Bundesregierung veröffentlicht, steht es schwarz auf weiß: 25,6 Prozent aller Tatverdächtigen sind Ausländer. Auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik – hier werden solche Zahlen seit 1978 veröffentlicht – sind es über 27 Prozent, und das bei einem Bevölkerungsanteil von nur 8,5 Prozent. Die Tendenz ist steigend: Wurden im Jahr 1984 rund 200 000 "nichtdeutsche Tatverdächtige" von der Polizei registriert, so waren es im vergangenen Jahr rund 400 000.

Was Statistiker noch vornehm umschreiben – "höhere Kriminalitätsbelastung der Ausländer" –, wird an Stammtischen und in Cocktailbars dann in die Alltagssprache übersetzt: "Ausländer sind krimineller als Deutsche."

Plötzlich bekommt die Angst, zum Opfer krimineller Gewalt zu werden, ein Gesicht und eine Stimme: dunkle Hautfarbe, fremder Akzent. Wenn Ausländer im Durchschnitt krimineller als Deutsche sind, dann liegt eine einfache Lösung nahe: "Grenzen dicht, Gesindel raus!" Es scheint, als ob ein über Jahrtausende antrainierter Instinkt – der Fremde signalisiert Gefahr und wird abgewehrt – sich erneut Geltung verschafft.

Linke und Liberale wissen nicht so recht, wie sie mit diesem Thema umgehen sollen. Kommunalpolitiker oder Lokalredakteure, aus Angst, das fremdenfeindliche Klima zu verstärken, unterlassen schon einmal den Hinweis darauf, daß es sich um englische Soldaten oder um kurdische Jugendliche handelte, die von der Polizei nach einer Schlägerei in einer Diskothek oder als Drogenhändler am Hauptbahnhof festgenommen worden sind. Bloß kein Öl ins Feuer gießen! Die Sorge, ungewollt neue Haßmotive zu erzeugen, die rechtsradikale Jugendliche dann Brandsätze in Ausländerheime werfen und brave Bürger Beifall klatschen lassen, ist nur zu verständlich.