Von Maria Huber

In der Südbucht von Sewastopol steht für eine Minute alles still. Die Mannschaften auf einem Dutzend Kreuzer und Zerstörer salutieren. Das Zeitzeichen ertönt: acht Uhr früh, Morgenappell bei der Schwarzmeerflotte. Zum Klang der Signalhörner ziehen die Flaggen auf. Alle Blicke richten sich auf das Symbol des versunkenen Sowjetimperiums: über einem blaß gewordenen blauen Streifen im weißen Feld der rote Stern in der einen Hälfte, Hammer und Sichel, auch in Rot, in der anderen. Die Kapitäne begrüßen die Matrosen. Diese antworten im Stakkato und eilen im Laufschritt an ihre Arbeit.

Die große Schwarzmeerflotte – von den Nato-Staaten hat nur Amerika eine mächtigere Kriegsmarine – „erfüllt ihre Pflicht“. Doch sie ist politisch umkämpft und psychisch gelähmt. Marineoffiziere und Matrosen dienen einem nicht mehr existierenden Staat. Die Aufteilung des Erbes zieht sich hin. Es besteht aus über dreihundert Kriegsschiffen, U-Booten, mehr als hundert Jagdflugzeugen, Helikoptern und dem Raketenkreuzer Slawa. Zäh feilschen Russen und Ukrainer, die slawischen Brüder, seit Jahresbeginn um die schon reichlich angerostete Hinterlassenschaft. Am vergangenen Wochenende hatte Sewastopol die Verteidigungsminister beider Staaten, Gratschow und Morosow, für die Vorbereitung des Krim-Gipfels erwartet. Am kommenden Montag treffen sich die beiden Präsidenten, Jelzin und Krawtschuk, im Krim-Kurort Dagomis.

Noch im Januar hatte Boris Jelzin die gesamte Schwarzmeerflotte beansprucht: „Sie war, ist und bleibt russisch.“ Doch der Präsident hat seither mehrfach eingelenkt, Kompromißbereitschaft signalisiert. Sein Widerpart Leonid Krawtschuk indessen wollte die Ukraine partout als Seemacht in die Europäische Gemeinschaft einbringen. Er versteifte sich darauf, das Kommando über die Schwarzmeerflotte selbst zu übernehmen und alle anfallenden Kosten zu tragen. Dabei hat das Verteidigungsministerium in Kiew noch nicht einmal einen Haushalt für das laufende Jahr.

Konteradmiral Boris Koschin ist seit April Kommandeur der ukrainischen Marine. Der gebürtige Russe mit pechschwarzem Haar und schmalem Menjoubärtchen befehligt vorerst kein einziges Schiff. „Noch untersteht die Flotte der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Aber taktische Atomwaffen sind schon überall von Bord.“ Der 48jährige Offizier wirkt eher diplomatisch als bärbeißig wie die alten „Tirpitze“ der Sowjetmarine. Hinter seinem Schreibtisch im schmucklosen Saal der Fähnrichschule steht eine überdimensionale blaue Staatsfahne der Ukraine.

Nur für die ersten Sätze blickt der Kommandeur Koschin in ein Schulheft: „Die Ukraine wird niemals als erste zu den Waffen greifen. Sie hat aber wie jedes Land Recht auf ihre Grenzen und auf ihre Armee. Wir weichen nicht vom internationalen Recht ab. Die Ukraine hat am 24. April 1991 ihre Souveränität erklärt. Danach hat die Teilung der Flotte proportional zu erfolgen. Was sich auf ukrainischem Territorium befindet, kann nicht einem anderen Staat gehören.“ Diesen Anteil schätzt der konzentriert und offen wirkende Konteradmiral auf 85 bis 90 Prozent.

Koschin hat inzwischen einen Organisationsstab von 37 loyalen Offizieren zusammengestellt. Mit Volldampf arbeiten die ukrainischen Superpatrioten an einem Modernisierungsprogramm für die Flotte. Die Mannschaftsstärke soll verringert werden, das nationale Übergewicht wachsen. Bis Mitte Juni haben nur 4500 Offiziere und Matrosen ihren Eid auf die Ukraine geleistet. „Viele fühlen sich von der Verantwortung einfach überfordert“, erklärt Koschin den großen Widerstand. „Ich meine aber, daß in der ukrainischen Flotte natürlich Ukrainer dienen müssen.“