Ein Mann geht in den Himmel. In den Himmel von Kassel. Lila Hemd, gelbe Hose. Beschwingt schreitet er empor, die Arme im Gegenrhythmus der Beine, der Balance wegen. Ein Optimist. Aber er wird nicht im Himmel ankommen. Denn entweder er stürzt ab, wenn er das Ende der fünfundzwanzig Meter langen, schräg in den Erdboden gerammten Stange erreicht hat. Dann wäre er zwar möglicherweise im Himmel der Theologen, zunächst aber doch wieder auf dem Friedrichsplatz. Oder tritt er auf der Stelle?

Mit seiner Skulptur „Man Walking to the sky“ hat der Amerikaner Jonathan Borofsky der DOCUMENTA IX einen wunderbaren Augenfänger auf die Wiese gesetzt. Kein Besucher kann diesen Balanceakt der Kunst übersehen, jeder wird versuchen, ihn mit verrenktem Hals seinem Photoapparat einzuverleiben. Und wenn er dann weiterwandert zu den Orten der documenta, in das gegenüberliegende Museum Friedericianum, den anschließenden Zwehrenturm, in die neue documenta-Halle, das Museum Neue Galerie, das Naturkundemuseum, schließlich zu den Kunst-Containern und Installationen im Aue-Park, dann denkt er vielleicht an den aufwärtsstrebenden Mann zurück und fragt sich, was es denn nun auf sich habe mit der Kunst von heute: auf der Stelle treten oder ein Himmelfahrtskommando?

Ein Mann schreit. Unablässig. Dabei dreht sich sein kahlgeschorener Schädel im Kreis. Unablässig. Sein Bild wird kopfüber/kopfunter von Monitoren an die Wände eines verdunkelten Raums geworfen. „Anthro/Socio“ heißt die Video-Installation des Amerikaners Bruce Nauman. Sie steht im Erdgeschoß des Friedericianum, im Eingangsraum hinter dem Portal, im Herzen der documenta. Der Singsang des Mannes, halb Mönchslitanei, halb Märtyrerklage, steigt hoch durchs offene Treppenhaus, fällt wieder herunter. „Help me, hurt me, feed me, eat me, feed me, help me, eat me, hurt me“, ein obsessives, autistisches Rondo von Lust und Schmerz. Es zerstört nicht die Ohren, aber legt die Nerven frei.

Ein Mann steht im Schaufenster. Mittlere Statur, dunkler Anzug. Hinter ihm ein Plakat mit einer Formel, neben ihm ein ausgestopfter Schwan. Es ist Jan Hoet, der Leiter der DOCUMENTA IX. Das heißt, es ist eine Installation des Belgiers Guillaume Bijl. Das Schaufenster ist nicht irgendeines, sondern mit kostbaren Materialien der Seitenwand eines Bekleidungshauses vorgesetzt, gleich neben dem Friedericianum. Im Fenster neben Hoet steht Arnold Bode, der Gründer der documenta, neben seiner Frau Malou, aus einem dritten Fenster starrt Joseph Beuys mit Hut und Weste. Als die Sonne schien und innen blaue Gardinen zugezogen werden mußten, wußte man, daß dieses, so der Titel, „Documenta Museum“ ein Wachsfigurenkabinett ist.

Am Tage, als Jan Hoet, der Museumsdirektor aus dem kleinen Museum in Gent, der Stadt des großen Jan van Eyck, zum Leiter der documenta ernannt wurde, hat er den großen Zampano hervorgeholt, sich nebenbei in einen Zirkusdirektor verwandelt. Das war vielleicht nötig, und außerdem hat es ihm Spaß gemacht. Denn was das für ein Zirkus ist, dem er da vorstehen sollte! Der größte Kunst-Zirkus der ganzen Welt, alle vier/fünf Jahre ist Aufführung, hundert Tage en suite. Am Tage, als Jan Hoet sich in einen Zirkusdirektor verwandelte, da entdeckte er auch alle Facetten dieses außergewöhnlichen Berufs, der ja den Conférencier ebenso einschließt wie den Prediger, PR-Manager, Schmierendirektor und Herrscher des Olymp.

Ruhelos reiste Hoet um die Welt, nicht nur auf der Suche nach Künstlern, sondern auch nach Sponsoren. Denn alle reden zwar von den Grenzen des Wachstums, und ganz besonders die Künstler und Dichter. Aber jeder documenta-Direktor muß mehr Geld haben und mehr Platz für die Kunst als sein Vorgänger. So reiste Hoet vom einen Tabakkonzern zum nächsten Fußballverein, betrieb neben dem Aufbau einer documenta-Halle auch noch die Aufstellung von Kunst-Containern auf der Wiese, führte zwischendurch auf Marathon-Pressekonferenzen den Journalisten die Kunst-Ausbeute seiner Reisen vor, ließ in Tagundnachtsitzungen Tausende von Dias durch die Projektoren laufen. Bis zur Schmerzgrenze. Das Ergebnis: 190 Künstler, 16,5 Millionen Etat, 10 000 Quadratmeter Ausstellung!

Dafür gab es diesmal keine Theorie-Debatten, Kräche, Rücktritte, wie sie den anderen documentas vorausgewittert waren. Statt dessen aber ein Reklame-Getöse, wie es die Kunst noch nicht gesehen hat. Auf den Packungen der Zigarettenmarke West ein Spruch von Hoets Hand, zum besseren documenta-Verständnis: „Kunst bietet keine klaren Antworten, nur Fragen.“ Ein T-Shirt gefällig, vierzehn verschiedene Motive, eine Swatch, eine Baseballkappe, eine Reversnadel, eine Krawattenklemme, Anhänger mit Kette, ein Regenschirm – alle mit dem d9-Motiv, versteht sich. Oder einmal V.I.P.-Service mit Empfang an Kassels neuem Weltraumbahnhof Wilhelmshöhe, Hotel und Dinner, Führung von Jan Hoet und