Von Uwe Jean Heuser

Etablierte Politiker müssen sich einer neuen Herausforderung stellen: Unternehmer drängt es zur politischen Macht. Der texanische Milliardär Ross Perot will in Zukunft die Vereinigten Staaten führen. Peugeot-Chef Jacques Calvet möchte der nächste Präsident Frankreichs werden. Für Wähler sind solche Kandidaturen attraktiv. Nicht nur die Amerikaner haben es satt, daß ihre Volkswirtschaft den Bach hinuntergeht, die Schuldenlast des Staates trotzdem weiter explodiert. Das Mißtrauen wächst vielerorts gegenüber der alten Politikerkaste.

Auch wenn die Politiker alten Zuschnitts in den Augen frustrierter Wähler ausgedient haben – autoritären Großunternehmern wie Ross Perot zu vertrauen ist gefährlich. Sie setzen allzu unkritisch auf Prinzipien, die sie als Konzernführer groß und reich gemacht haben: auf Entscheidungs- und Durchsetzungskraft, auf ein paar konservative Grundwerte, auf ihr Verkaufsgeschick. Sie bieten einfache Lösungen und populistische Parolen, vor allem aber bieten sie eines: sich selbst, die starken Männer.

Der demokratische Entscheidungsprozeß bleibt in dieser selbstherrlichen Programmatik auf der Strecke. Doch je mehr die herkömmliche Politik die Wähler verdrießt, desto weniger stört dieses Manko. So macht Perot sogar noch Stimmen gut, wenn er den parlamentarischen Prozeß verhöhnt. Er will dem Kongreß versagen, Steuern zu erhöhen. Seine plebiszitäre Idee: Das darf nur das Volk selbst. Im Multiple-choice-Verfahren entscheiden die Bürger über das Schicksal der Nation. Die unmittelbaren Entscheide lassen sich durch die Art der Fragestellung und die Präsentation des Themas bestens manipulieren. Einen solchen Vertrauensvorschuß können Aktionäre eines maroden Unternehmens dem neuen Sanierer entgegenbringen, ein politischer Kandidat hat so viel Macht nicht verdient.

Die archaischen Unternehmertugenden, die so glänzend ankommen, sind in der Politik untauglich. Wer damit ein Land führen will, scheitert entweder am parlamentarischen Entscheidungsprozeß, oder er setzt ihn außer Kraft.

Dabei könnten unternehmerische Qualitäten den zunehmend ängstlichen Politikern durchaus auf die Sprünge helfen: strategisches Denken, die Fähigkeit, Probleme auf ihren Kern zu konzentrieren, die Verbindung von Teamwork und langfristig orientierter Führung. Doch damit sind ungeduldige, wütende oder sogar resignierende Wähler nicht zu gewinnen. Das Dilemma wird damit offenbar: Mehr denn je brauchen die Industriestaaten eine langfristig orientierte, solide Wirtschafts- und Finanzpolitik. Populistische Parolen und Alleinentscheidungen laufen dem zuwider. Aber in Krisenzeiten wirken solche Elemente am attraktivsten.

Gerade wer seine Politik nicht in Einzelheiten erläutert, sondern nur den Mythos des wohlwollenden und visionären, autoritären und ungeduldigen Patriarchen pflegt, muß sich eine besonders kritische Prüfung gefallen lassen. Ohne Kompromißfähigkeit nach innen und nach außen beispielsweise läßt sich ein demokratisches Land nicht führen, ein Konsens der gesellschaftlichen Gruppen nicht erzielen. Die Autorität geht nicht wie in der Aktiengesellschaft vom Aufsichtsrat und Vorstand aus, sondern sie wird vom Wähler verliehen. Ziele werden nicht vorgegeben, sondern erarbeitet und erstritten. Ein Mann wie Ross Perot, der Gewerkschaften für überflüssig hält, ist dazu kaum fähig. Ebenso wie Jacques Calvet mit seinen protektionistischen und antieuropäischen Parolen polarisiert er, anstatt zu integrieren.