Von Sabine Etzold

Auch den Stilbruch kann man zum Stilmittel machen. Dieter Simon jedenfalls setzt unverdrossen auf dieses nicht ganz ungefährliche Erfolgsrezept. Wenn andere von "katastrophalen Zuständen an den Hochschulen" sprechen, erklärt er: "Die Universitäten sind im Kern verrottet." Wenn andere sich "von der Meinung eines Kollegen distanzieren", befindet Simon: "Da hat dieser dümmliche Käfer doch schon wieder Mist gemacht."

Keine Pressekonferenz, kein Interview, das der amtierende Präsident des Wissenschaftsrats nicht dazu nutzte, ein ganzes Feuerwerk solcher Sentenzen abzufackeln – zur Freude der Medien und zum wachsenden Mißfallen seiner gezausten Opfer. Denn das ist wohl nicht die feine Art, daß ein Mitglied der sogenannten scientific Community derart gnadenlos über die anderen Mitglieder, ja über die ganze Community herzieht. Simon selbst sieht in dieser Neigung, "die Dinge unmäßig zu pointieren", eine Facette seines pfälzischen Temperaments. Man müsse Sachverhalte erst einmal klar und deutlich beim Namen nennen, "differenzieren kann man hinterher". Er gibt sich unbekümmert, wenn sein Ruf als Schandmaul der Zunft zur Sprache kommt. Aber es steckt doch mehr dahinter als seine fast manische Spottlust: Da verschafft sich eine tief eingewurzelte Aversion gegen fade Verlogenheit Luft, gegen aufgesetzte Höflichkeit und aufgeblasene Wichtigtuerei, "gegen den ganzen akademischen Schmus".

Das hängt vor allem – wie er immer wieder und leicht kokett betont – mit seiner "nichtakademischen Herkunft" zusammen. Simon, 1935 als einziges Kind eines kleinen Bankangestellten in Ludwigshafen geboren, durfte das humanistische Gymnasium besuchen. Für den Sohn, der es einmal besser haben sollte, legten sich die Eltern krumm und brachten "die für sie damals riesige Summe Schulgeld von dreißig Mark im Monat auf". Er dankte es ihnen, indem er immer ein erfolgreicher und begeisterter Schüler, Student, Doktorand, schließlich Professor war – im vollen Bewußtsein, ein großes Privileg, eine ungeheure Vergünstigung zu genießen.

Von Haus aus ist er eigentlich Rechtshistoriker, einer der wenigen Spezialisten für byzantinisches Recht, ein Gebiet, auf dem er "trotz mäßiger Leistung bei Abwesenheit anderer mit ähnlichen mäßigen Leistungen als großer Star" gilt. Byzanz, "diese späte Kultur, die eine gewisse zynische Morbidität hat", fasziniert ihn, "eine Spätzeit, wie auch wir heute wieder in einer leben".

Ist diese historische Passion eine Erklärung für das sardonische Vergnügen, mit dem er bei jeder Gelegenheit Endzeitstimmung in Hochschulfragen verbreitet? Über das Heil der Universitäten noch nachzudenken, das habe keinen Sinn mehr, sagt er unbekümmert. Die seien endgültig ruiniert, jedenfalls dann, wenn man das "Lügengespinst der Einheit von Forschung und Lehre" noch aufrechterhalten wolle. In weiten Bereichen sei das Studium ein Luxusgut, das wir uns nicht mehr leisten können – "Chemiestudenten etwa, die sechzehn Semester studieren und dann Pharmavertreter werden". Wenn man sich statt dessen entscheiden könnte, 25 bis 30 Prozent eines Jahrgangs für bestimmte Berufe auszubilden – an Fachhochschulen und besonderen Studiengängen –, "dann könnte man die Sache reformieren. Aber daß das passiert, halte ich für ausgeschlossen."

Das Universitäts-Debakel sei eine Konsequenz der großen Zahl – "ich komme immer wieder zu dieser Überzeugung". Als das bildungspolitische Ruder Ende der sechziger Jahre herumgeworfen wurde – "unüberlegt, die Absicht war nicht schlecht, aber die Exekution ging daneben" –, als die Universitäten für alle geöffnet wurden, da habe man gleichzeitig angefangen, sie zu ruinieren. Wer immer sich gerade habilitierte, wurde damals zum Professor gemacht, "die sitzen jetzt alle in den Fachbereichen und sind doch so mäßig". Seit 1968 sei das wissenschaftliche Niveau der Universitäten ständig gesunken, "und jetzt will Erichsen (der Präsident der Rektorenkonferenz) noch 30 000 mehr von dieser Sorte haben".