NÜRNBERG. – Im vergangenen Oktober vereinbarten die Stadtparlamente von Nürnberg und Krakau, sich für das Jahr 2000 gemeinsam um den Titel „Europäische Kulturstadt“ zu bewerben. Das Vorhaben erntete anfangs großen Beifall. Jetzt aber droht es innerdeutschen Interessen zum Opfer zu fallen.

Vater der Idee war Nürnbergs Oberbürgermeister Peter Schönlein. Während des Kommunalwahlkampfes 1987 schlug der SPD-Politiker vor, daß die Franken-Metropole das Kulturfestival zusammen mit ihrer polnischen Partnerstadt Krakau ausrichten solle. Es war eine kühne Vision. Der Titel Kulturstadt wird von der Europäischen Gemeinschaft seit 1984 alljährlich an eine andere Stadt der EG vergeben. Das restliche Europa in die Wanderveranstaltung einzubeziehen, und sei es über den Umweg einer Doppelbewerbung, erschien damals fast unmöglich. Erst nach dem politischen Umbruch in der östlichen Hälfte Europas stießen die Nürnberger Stadtväter mit ihrem Plan auf offene Ohren. Das Auswärtige Amt in Bonn und die Brüsseler EG stellten finanzielle Hilfen in Aussicht. Der Krakauer Magistrat stimmte dem Unternehmen ebenso zu wie das polnische Parlament und Staatspräsidenten Walesa.

Die Veranstaltung solle in beiden Städten „gleichwertig gestaltet“ werden, versichert Oberbürgermeister Schönlein. Das Geld würde „brüderlich zwischen Krakau und Nürnberg geteilt“.

Mittlerweile liegt eine zweisprachige Bewerbungskassette vor. Sie liest sich, als hätten Nürnberg und Krakau aus den Erfahrungen mit dem Festival in Athen, Florenz, Amsterdam, Berlin, Paris, Glasgow, Dublin und Madrid gelernt. Anstatt ein in sich schlüssiges Programm zu bieten, artete die Veranstaltung in ein bunt zusammengewürfeltes Marathonereignis aus. Anstatt Impulse für die kulturelle Zusammenarbeit über Grenzen hinweg zu geben, fand oft genug vor allem Selbstdarstellung statt.

Nürnberg und Krakau hingegen beabsichtigen, „modellhaft einen Beitrag zu leisten zur kulturellen Einheit Europas“. Ein wichtiger Programmpunkt des Festivals im Jahr 2000 soll die Analyse und Präsentation des beiden Städten gemeinsamen historischen Erbes sein.

Um die Europa-Idee greifbar zu machen, soll die deutsch-polnische Veranstaltung an der Leitidee „Europäische Wege“ ausgerichtet werden. Zur Charakterisierung unseres Kontinents, heißt es im Bewerbungstext, ließe sich eine Vielzahl von Wegen benennen. Etwa die Lehr- und Wanderwege von Künstlern und Handwerkern, die Wege des Handels, der Religionen und Ideen, aber auch Zerstörungs- und Flüchtlingswege. Solche Wege gelte es in verschiedenen Medien und Aktionsformen aufzudecken, zu bewahren und, wo möglich, mit neuem Leben zu erfüllen.

Ihr Vorhaben aber wurde nun unversehens durch Weimar in Frage gestellt. Die thüringische Klassikerstadt möchte sich 1999, wenn sich Goethes Geburtstag zum 250. Mal jährt, mit dem Wanderpreis schmücken. Aus Proporzgründen jedoch sollen Städte aus demselben geographischen Gebiet nicht in zwei aufeinanderfolgenden Jahren den Zuschlag erhalten. Der Deutsche Städtetag konnte sich auf seiner Frühjahrstagung nicht für einen Kandidaten entscheiden. Die deutschen Kultusminister sprachen sich auf ihrer Konferenz im Mai dafür aus, beide Bewerbungen zu unterstützen.