Von Helga Hirsch

Die Stimme von Predrag Palavestra ist kaum zu vernehmen: "Kennen Sie Ivo Andrić?" Draußen entlädt sich ein schweres Gewitter; Windböen fegen durch die offenen Fensterflügel in den holzgetäfelten Sitz des serbischen Schriftstellerverbandes in der Belgrader Francuska-Straße 7 und zerren an den bodenlangen Vorhängen. "Haben Sie den Roman ‚Wesire und Konsuln‘ gelesen? Im 16. Kapitel beschreibt Andric genau unsere heutige Situation." Der Literaturprofessor und Vorsitzende des serbischen PEN-Clubs erzählt von der herrschaftsfreien Zeit im Jahre 1809, als der Wesir und der Pascha die Stadt Travnik vorübergehend verlassen hatten, um in den Krieg zu ziehen. "Da drängte das Gesindel vor, weil es sich in einer Weise rächen konnte, die ihm in normalen Zeiten versagt geblieben wäre. Es quälte, folterte und mordete. Die Ereignisse entwickelten sich aus sich, nach einer Logik, die vom Blut und von entarteten Trieben diktiert wurde. Tag und Nacht währte der blutige Karneval, in dem alle dasselbe wollten, aber einer den andern nicht begriff, ja nicht einmal sich selbst wiedererkannte. Erst als sich die Raserei erschöpft hatte und der Pascha zurückkehrte, fiel die Stadt wieder in ihre schwere Stille, in der jeder möglichst schnell zu vergessen trachtete, was geschehen ist... und es war, als wäre die Ruhe nie gestört worden."

Im Zimmer ist es beinahe dunkel. Nur die Umrisse von Professor Palavestra sind zu erkennen. Die Besucherin aus dem Westen weiß nicht, ob sie befremdet oder erleichtert reagieren soll. Erklärt dieser lebenserfahrene und geschichtskundige serbische Intellektuelle das Destruktive und Gewaltsame deshalb zur menschlichen Natur wie Liebe und Verstehen, weil er die Zwecklosigkeit jeglichen Eingreifens begründen will? Oder spricht aus ihm die über Jahrhunderte tradierte – zwar bittere, aber auch tröstliche – Erfahrung, daß nach Gewalt und Blutvergießen ein Zusammenleben der Völker auf dem Balkan immer wieder möglich ist? Warum verlangt Palavestra nicht mit gleicher Entschiedenheit ein internationales Vorgehen gegen die Raserei wie die Politiker des Westens?

Wenn das bundesdeutsche Fernsehen Abend für Abend die Bilder von brennenden Häusern aus Sarajevo ausstrahlt, von Toten, die nicht mehr begraben und von UN-Konvois, die beschossen werden, dann wollen viele schon gar nicht mehr genau hinsehen. Erst regierte der Wahnsinn in Kroatien, jetzt regiert er in Bosnien-Herzegowina. Fast jeder zehnte im alten jugoslawischen Staatsgebiet hat seine Heimat verloren; zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht, vertrieben, tot. Und warum? Weil fanatische Nationalisten sich für altes Unrecht rächen, das die Muslims irgendwann den Serben zufügten, die Serben den Kroaten, die Kroaten den Muslims, und weil serbische Extremisten fürchten, ihre Nation würde im zerfallenden Vielvölkerstaat das Opfer eines Genozids entweder von Seiten der kroatischen "Ustascha" oder von bosnisch-islamischen Fundamentalisten.

Was auf dem Balkan geschieht, erscheint wie ein grausamer Hohn auf die Träume von Frieden, Freiheit und Zusammenwachsen des Kontinents, die nach dem Sturz des Kommunismus in greifbare Nähe gerückt schienen. Es konfrontiert uns mit einer archaischen Brutalität, die wir seit dem Mittelalter für untergegangen hielten. Obwohl noch das 20. Jahrhundert mit den stalinistischen Gulags und Hitlers KZs die größte Vernichtungsmaschinerie in Gang gesetzt hatte, wollten wir daran glauben, daß die Achtung der Menschenrechte bereits ein unwiderruflich akzeptierter Standard im KSZE-Europa geworden sei.

Doch die Bilder aus Bosnien-Herzegowina zeigen die Sinnlosigkeit aller Hoffnung gegenüber eruptiven Ausbrüchen der Gewalt. Wir fühlen uns schuldig, wenn wir das Morden einfach geschehen lassen, aber wir neigen auch zu abweisendem Trotz, wenn die Rasenden unsere Regeln der Konfliktlösung mißachten. Und so schwankt der Westen zwischen der Forderung nach massiver militärischer Intervention und einem angewiderten "Sollen sie sich doch die Köpfe einschlagen!": Die archaische Brutalität soll entweder gewaltsam gestoppt oder aber in sicherer innerer und äußerer Distanz gehalten werden – Hauptsache, ihre Existenz provoziert, verunsichert und ängstigt uns nicht mehr.

Anders Predrag Palavestra: Er ist in Sarajevo geboren. Sein Bruder lebt noch immer dort, seit vier Wochen allerdings fehlt jede Nachricht von ihm. Doch bleibt dem gebürtigen Bosnier etwas anderes, als ohnmächtig und verzweifelt die Zerstörung seiner Heimatstadt hinzunehmen? Palavestra tut, was er kann: Er gründete Mitte Mai gemeinsam mit anderen Intellektuellen die serbische Oppositionsbewegung Depos, die das Ende des Krieges, den Rücktritt des Staatspräsidenten Slobodan Milošević und die Einsetzung einer Übergangsregierung fordert (allerdings werden Palavestra und andere mit sich und der Öffentlichkeit zu klären haben, warum sie nicht wesentlich früher gegen die Politik von Milošević die Stimme erhoben haben). Aber Palavestra bekennt sich auch zu dem, was nicht in seiner und der Macht von DEPOS und der übrigen Opposition steht: Selbst eine neue Regierung in Belgrad könne allein die Kriegführenden in Sarajevo nicht zum Waffenstillstand zwingen. Ihm bleibt nur die Trauer, um mit dem Entsetzen über all das fertig zu werden, was Menschen – seine serbischen Landsleute – anderen Menschen – seinen muslimischen Freunden – noch im 20. Jahrhundert antun können. Ein Sich-Fügen in eine außer Kontrolle geratene Geschichte und das Eingeständnis der eigenen Ohnmacht werden deutlich – die der Besucher aus dem Westen kaum nachempfinden kann. Dabei werfen die Ereignisse in Bosnien-Herzegowina die Frage auf, ob nicht auch der Westen, ob nicht auch die UN an die Grenzen ihrer Einflußmöglichkeiten gestoßen sind.