Sie sprach im noblen Frankfurter Ton des untergegangenen Westends, den heute keiner mehr für möglich hält, französisch und eine Idee leiser, wenn es deftig oder witzig oder beides wurde. Sie war die Muse der Heidelberger und Frankfurter Boheme der zwanziger und frühen dreißiger Jahre und hatte ihre Auftritte, etwa wenn sie mit einem riesigen Hund die Vorlesung ihres ästhetischen Freundes Friedrich Gundolf betrat. Ihr Leben als Roman gedacht, wäre aus der Sicht des Kritikers voll von Kolportage. Der Freud-Schüler, den sie jung geheiratet hatte, jagte sich, während er mit ihr telefonierte, eine Kugel durch den Kopf und hinterließ sie mit einem Söhnchen. In den Heidelberger Cafés trug man damals das Parteiabzeichen der KP. Dort mag sie ihn kennengelernt haben, den Menschen ihres Lebens, der ihr zweiter Mann wurde, Dolf Sternberger, dessen eigenes Format sich im Dank an seine "Meister" aussprach. Über Jaspers sagt er: "Er war der Lehrer, der uns die Treue gelehrt hat." Und er erzählt, wie Jaspers für sich klargelegt hatte: "Der Selbstmord ist nicht mehr Selbstmord, wenn er die würdige Vorwegnahme einer wie immer gearteten Hinrichtung ist." Und: "Eine Deportation ist so gut wie eine Hinrichtung."

Jaspers’ Frau war Jüdin, und die Frage war alles andere als akademisch. Man legte sich zu Bett, während auf dem Nachttisch die Giftkapseln lagen. Was Sternberger da von Jaspers berichtet, galt. Vor Publikum wurde damit nie renommiert, von Dolf und Ilse Sternberger exakt genauso. Ist Tugend lehrbar? Hat Sternberger von Jaspers die Treue gelernt? Es ehrt ihn, daß er es behauptet. Beide waren sie keine Juden, und beide trennten sich nie von ihren jüdischen Frauen.

In der Frankfurter Gestapo saß ein Mann, der bei der Amtswaltung Ilse Sternberger gegenüber die Formulierung brauchte: "Sie sind mosaischen Glaubens?" Mit dieser Wendung hatte er sich als Dissident zu erkennen gegeben. Er war es auch, der später dem Ehepaar die Empfehlung zuspielte, nicht mehr nach Hause zu gehen. Man ging nach Heidelberg. Es gab Freunde. Dolf, gewesener Redakteur der Frankfurter Zeitung, tauchte schließlich in Baden-Baden unter.

Ilse lebte im Turmzimmer einer Baden-Badener Villa immer in Angst vor dem Dienstmädchen der Gastgeber, das mit spitzen Bemerkungen nicht geizte. Man sah sich jeden Tag, traf sich auf halbem Wege im Wald. Was für eine Geschichte! Eben keine Geschichte nur.

Ilse war nicht nur eine Muse für die Mitscherlich und Adorno in ihrer Zeit, sie war auch Peter Menzel. Unter diesem Pseudonym hatte die Kunsthistorikerin Bildbetrachtungen für die alte Frankfurter Zeitung geschrieben. Klaus Gallwitz hat sie, halb gegen den Willen der Verfasserin, vor einigen Jahren mit großem Erfolg in einem Insel-Band neu präsentiert.

Peter Menzel, voll Temperament, veröffentlichte nach dem Krieg keine Zeile mehr. Die Eltern waren umgebracht. Dolf, der alles, was er schrieb, ihr "zur Genehmigung" vorlas, wurde "Staatsfreund". Mit seiner Erfindung des "Verfassungspatriotismus" gab er als Schriftsteller und Politikwissenschaftler eine Linie vor, die das Gemeinwesen vor nationalen Eruptionen sichern sollte. Einer der Quellflüsse dieser Staatserhaltung war gewiß die Angst vor den destruktiv strömenden Grundbewegungen der Gesellschaft.

Ilse sprach dagegen von den "Deutschen" oft messerscharf und in unseren Ohren ungerecht, und wir wunderten uns über die Herzlichkeit, mit der sie in bestimmten Gasthöfen hinter Heidelberg begrüßt wurde und auf die landsmännischste Art beheimatet schien.