Von Bernhard Wördehoff

Unter den sozialdemokratischen Topoi, die in keinem Programm oder Statut zu finden, aber für Glaubwürdigkeit, Funktion und Aufstieg in der Partei ungemein wichtig waren, nahm bis weit in die siebziger Jahre hinein der Stallgeruch einen hohen Rang ein. Der Begriff ist aus dem sozialdemokratischen Wörterbuch verschwunden.

Die SPD: das ist auch eine Entwicklungsgeschichte von der Ballonmütze zum Seidenhemd. Dargestellt und analysiert haben das die Politologen Peter Lösche und Franz Walter. Ursprünglich wollten die Autoren nur über die SPD in der Weimarer Republik schreiben. Dann aber wurde ihr wissenschaftlicher Eifer vom Stoff angestachelt. Gut so: Denn nun liegt ein Buch vor, das der aktuellen Diskussion solide Grundlage wie neue Nahrung anbietet.

Lösche und Walter haben herausgefunden, daß sich die SPD in der ersten Republik bereits auf den Weg zur Volkspartei gemacht und Umrisse einer "Partei des öffentlichen Dienstes" angenommen hatte, als die wir die SPD heute kennen. Warum der Weg seinerzeit nicht ausgeschritten, die Umrisse nicht ausgefüllt wurden, hat seine Gründe in Gegebenheiten der Weimarer Republik, die das Buch nennt.

Uns geht heute mehr die Darstellung des Weges an, den die SPD nach dem Kriege zurückgelegt hat: von der Traditionskompanie der fünfziger Jahre bis zur sozialdemokratischen Wirklichkeit unserer Tage, die sich aus "Buntheit, Widersprüchlichkeit, Pluralismus und Unübersichtlichkeit" zusammensetzt. Kreuz und quer überlagern sich in diesem Flickenbild Generations- und Kulturkonflikt mit organisatorischer Fragmentierung. Die Autoren präsentieren uns hierfür den treffenden Begriff der "lose verkoppelten Anarchie". Daß sie seine in der Partei- und Organisationsgeschichte liegenden Wurzeln freilegen, ist nur ein Stück wichtiger Information. Es findet sich im Kapitel "Die Stuttgarter Organisationsreform von 1958 und ihre Folgen". Das hört sich sehr trocken an. Dahinter aber verbirgt sich eine Entmachtung der historischen Parteihierarchie, welche erst die inhaltliche Modernisierung der Partei – Stichworte: Godesberger Programm 1959, außenpolitische Wende mit der Wehner-Rede 1960 und schließlich auch die Große Koalition! – ermöglichte. Daß für die SPD fortan nicht mehr das Bild einer solide gegründeten Pyramide galt, daß vielmehr die Macht des Parteiapparates und seiner Spitze auf die legislativ (und seit 1966 bis 1982 exekutiv) tätigen Sozialdemokraten überging, ist lange nicht wahrgenommen worden, weil diese nach Ollenhauer auch die Parteispitze bildeten.

Erst seit dem Machtverlust 1982 sucht die SPD wieder nach dem richtigen Schwerpunkt für ihre Politik. Und kann ihn noch immer nicht finden, weil sich sowohl der Staat als auch die Parteien durch exzessive Ausdeutung und Ausbeutung des Grundgesetz-Artikels 21 verändert haben. Die SPD mißt man dabei noch immer am legendären Bild ihrer Tradition von einem und einem Viertel Jahrhundert.

Dabei hat sich die Partei von diesem Bild auf mannigfache Weise entfernt. Sie läßt sich spätestens seit dem Ende der Troika Brandt, Schmidt und Wehner nicht mehr auf einen Nenner bringen. Der typische Sozialdemokrat existiert seit langem nicht mehr, worüber das Beharren auf dem in den sechziger Jahren bereits einmal abgeschafften "Genossen" nicht hinwegtäuschen kann. Zwischen Arbeitergroschen und Staatsknete aber haben sich die Sozialdemokraten seit langem für das entschieden, was unter dem Tarnbegriff "Parteienfinanzierung" alle Jahre neuen Anstoß liefert.