„Gebührt dem Staat das Herz der Stadt?“ fragte der Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm vor drei Wochen an dieser Stelle. Der Berliner Senat gebe das historische Zentrum der Bonner Regierung für ihre Ministerien preis. Volker Hassemer, CDU-Senator für Stadtentwicklung, will diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen. Wir dokumentieren seine scharfe Replik und eine kurze Erwiderung seines Kritikers

Von Volker Hassemer

Es ist schon einigermaßen deprimierend, einen langen Artikel über wichtige Fragen der Berliner Stadtplanung zu lesen, der mit vielen Unrichtigkeiten, Halbwahrheiten, Pauschalangriffen lange ausholt, um letztlich einmal mehr lediglich zu der in Berlin inzwischen durchaus bekannten, weil oft wiederholten Forderung des Autors zu kommen: Rückkehr zur Parzelle. Hoffmann-Axthelm hat seine Theorie der Parzelle mehr als einmal im Stadtforum vorgetragen – durchaus nicht mit wachsendem Erfolg. Nun will diese vom sicheren Schreibtisch her formulierte Einzelposition durch die Kraft einer ganzen Zeitungsseite für sich Gültigkeit beanspruchen. Dies finde ich deshalb deprimierend, weil wir durch die Öffentlichkeit der Berliner Stadtplanung, die insbesondere das „Stadtforum“ herstellt, erreichen wollten, daß öffentlich Kenntnis genommen werden kann von Argument und Gegenargument, von These und Gegenthese. Ein Weiteres kommt hinzu: Hoffmann-Axthelm behandelt das Thema, Gestaltung der Mitte Berlins, nicht als criticus laureatus, sondern als einer der vom Senat beauftragten Gutachter. Es sei mir vielleicht daher erlaubt, mich nun meinerseits kritisch mit seinen gutachterlichen Vorschlägen auseinanderzusetzen.

Aber der lange Anflug, den sein Artikel einmal mehr hin zu dieser Forderung nimmt, hat es in sich. Die Idee, bis zu vier Ministerien in der Berliner Innenstadt anzusiedeln (bei Hoffmann-Axthelm sind es gleich fünf), ist dort „Besetzungsspektakel“ und die Absicht, „einfach alle heute nutzbaren Flächen zu beschlagnahmen“. Davor müsse sich aber niemand ängstigen, denn „das wäre nicht durchzuhalten“. Gleichwohl ist ihm das „eine Art Wiederholungszwang: Nach NS-Enteignung und DDR-Enteignung nun eine neue Besetzung“, die die „gleiche ungenierte staatliche Landnahme“ betreibt. Im „monarchischen Stil“ hat sich da Kohl durchsetzen können, „weil dem in Berlin keine selbstbewußte Stadtregierung gegenübersteht“.

Das ist viel Wortgewalt. Aber es ist trotzdem unrichtig in der Analyse und im übrigen nicht mehr als eine Meinung – unter vielen unterschiedlichen, die wir zur Zeit in Berlin diskutieren.

Es fängt damit an, daß die Position des Bundeskanzlers, klassische Ministerien in der alten Mitte Berlins vorzusehen, nicht vom „Monarchen kam“, sondern auf eine Anregung von mir zurückgeht. Anlaß dafür gaben mir nicht Unterwerfungsgelüste, sondern stadtpolitische Gründe von einiger Bedeutung. Im einzelnen:

Gegen Ende des vergangenen Jahres zeichnete sich ab, daß die meisten Einrichtungen für Regierung und Parlament sich wie ein Kordon an die westliche Grenze und exakt vor das historische Zentrum Berlins legen würden: das Parlament mit fast allen seinen Einrichtungen im Spreebogen, dort auch das Bundeskanzleramt, nördlich davon, im ehemaligen Regierungskrankenhaus, das Wirtschaftsministerium, südlich davon, in den Ministergärten, das Außenministerium und nicht weit entfernt, im Haus der Ministerien, das Finanzministerium. Auf der Linie der alten Stadtmauer, dort, wo auch die DDR-Mauer stand, wäre das ein Gürtel neuer, großer Regierungskomplexe wie eine Abriegelung zwischen dem Westen und der Stadtmitte geworden.