Auf dem kleinen Parteitag der CDU in Bonn hatte der Bundeskanzler am Montag einen bemerkenswerten Auftritt: keine federnde Hoppla-jetzt-komm-ich-Attitüde, keine aufgesetzte Selbstgewißheit. Im Gegenteil, Helmut Kohl wirkte beinahe bescheiden, ein besorgter Regierungschef, der – um vor Gefahren zu warnen – zu einem etwas vergessenen Hausmittel greift: zur Ehrlichkeit.

Der Anlaß, ach!, Europa: das dänische Nein, die Turbulenzen im Osten, der Anti-EG-Populismus im eigenen Lande. Warnend sprach der Kanzler von „alten Tönen“, die seit dem Ende des Kalten Kriegs in Europa wieder zu hören seien. Kein Land, auch Deutschland nicht, könne von sich behaupten, vom Virus des Nationalismus frei zu sein. Kohl nannte auch die Ängste der Nachbarn vor den vereinigten Deutschen „verständlich“, aus historischen und geopolitischen Gründen. Und wenn Frau Thatcher („die Dame“) Skepsis gegenüber der deutschen Einheit äußerte, dann habe sie doch nur ausgesprochen, „was viele, andere gedacht haben“.

Nicht, daß wir das nicht gewußt hätten. Aber vom Kanzler haben wir solche realpolitischen Einsichten bisher nicht vernommen. wap