Von Marlies Menge

Die Dresdner feiern. Viele sind arbeitslos, manche ihrer Häuser werden von Westdeutschen zurückgefordert, sie aber feiern. Sie sind eben Dresdner, südlicher im Temperament als andere Deutsche; Bewohner einer Stadt, die etwas Besonderes ist mit ihrer barocken Altstadtsilhouette, herrlicher Elblandschaft, viel Kultur und eben den Dresdnern selbst und ihrem Sinn für das Schöne. Alles Pfunde, mit denen sich ihrer Meinung nach gut wuchern und eben auch feiern läßt.

Die Bewohner der Elbhänge zwischen Loschwitz und Pillnitz hatten schon im letzten Jahr zum „Elbhangfest“ geladen. Über 60 000 waren gekommen, hatten den Festumzug mit August dem Starken samt Hofstaat – ohne ihn läuft nichts in der ehemaligen Residenzstadt – bewundert, Konzerte und Theateraufführungen genossen, waren über Märkte in Loschwitz, Wachwitz, Niederpoyritz, Hosterwitz und Pillnitz geschlendert. Und weil das so schön war, wird nun wieder gefeiert: am 27. und am 28. Juni unter dem Motto „Von Körner zu Weber“. Körner wohnte in Loschwitz, Weber in Hosterwitz – Künstler zog es seit jeher an die Elbhänge.

Die Initiatoren des Festes sind denn auch vor allem Künstler. Wie der Sänger Reinhard Decker. Als Junge sang er im Kreuzchor; zusammen mit anderen Kruzianern gründete er die Dresdner Vokalisten, ein Männerquartett, das viel in der Welt herumkam, aber nach der Wende auseinanderbrach. Decker hing beruflich in der Luft. Er engagierte sich für die Pillnitzer Weinberg-Kirche, die von Pöppelmann gebaut wurde, dem Schöpfer des Zwingers und des Pillnitzer Schlosses. Seit 1977 nicht mehr für Gottesdienste genutzt, verfiel die Kirche zusehends. Die Scheiben waren eingeschlagen, die Orgel war gestohlen worden. Decker organisierte Benefizkonzerte, wurde unterstützt von seinem Bruder Christian, einem Techniker, und dem Möbelrestaurator Jochen Flade.

Decker und Flade waren schon vor dem Umbruch politisch aktiv gewesen. So waren sie zum Beispiel vor der letzten DDR-Wahl in eine Wahlversammlung geplatzt mit einem Problemkatalog von Pillnitz. „Man muß im Niedergang was suchen, womit man sich solidarisieren kann“, sagt Christian Decker, „und das ist das Schwache. Und wo Sie dann nachweisen: Da habe ich was bewegt.“ Jochen Flade war im Pillnitzer Kirchenvorstand, ist noch in der Weinberg-Kirche getraut worden, die Taufe seines ältesten Sohnes war die letzte Amtshandlung dort. „Zum ersten Benefizkonzert am Abend vor der Kommunalwahl haben wir vom Pillnitzer Bürgerkomitee die Glocken geläutet, politisch auf uns aufmerksam gemacht.“ Genützt hat es wenig. Auch in Dresden haben die großen Parteien das Rennen gemacht.

Decker und Flade leben in schönen Pillnitzer Häusern. „Die Häuser waren nicht aus materiellen Gründen interessant für uns“, beteuert Flade, „es war schwer, sie zu erhalten. Sie waren die Nische, in der wir uns mit Freunden treffen konnten.“ Flade wünscht sich, daß ihre Kirche für Kultur und eine neue Art von Andacht genützt wird: „Zum Beispiel morgens den Wanderern Orgelspiel und ein, zwei Bibelsprüche mit auf den Weg geben, sie abends ebenso wieder begrüßen.“ Vorstellbar ist es, so wie die Kirche liegt: idyllisch inmitten der Weinberge. Grillen zirpen, Winzer arbeiten am Hang.

Ganz anders die zweite Kirche, um die es den Elbhangleuten geht, die Loschwitzer George-Bähr-Kirche (George Bähr ist der Erbauer der Dresdner Frauenkirche). Sie liegt direkt an der Hauptstraße. Im Februar 1945 wurde sie zerstört. Der Wachwitzer Architekt Rainer Ehlich erzählt, wie sehr die Gemeinde sich seitdem für den Wiederaufbau der Kirche eingesetzt hat. Staat und Landeskirche sträubten sich. Nach dem Umbruch aber schien alles möglich. Von der Münchner Partnergemeinde und aus Hamburg kamen Spenden. Ehlich, gerade selbständig, wurde beauftragt zu bauen.