BREMEN. – Panisch reagierte die Landesregierung auf die Drohung des Fruchtimporteurs Bernd-Artin Wessels, seinen Handel aus Bremen abzuziehen. Die Senatoren traten umgehend zu einer Sondersitzung zusammen, allerdings nur, um ihren Beschluß vom Vortag zu bestätigen. Der aber war die Ursache für den Zorn des Kaufmanns gewesen.

Wessels, Chef der Scipio-Gruppe, des nach eigenen Angaben größten Frucht-Distributeurs der Welt, war nach der Sondersitzung des Senats so schlau wie zuvor. Er wußte immer noch nicht, in welchem der bremischen Häfen künftig die Schiffe mit seinen Zitronen, Kiwis, Äpfeln und Apfelsinen aus Übersee festmachen.

260 000 Tonnen Früchte und Gemüse könnte die Scipio-Gruppe pro Jahr in Bremen anlanden, doch der Europahafen, der älteste stadtbremische Hafen und seit langem Standort des Fruchtumschlags, bietet Kajen und Schuppen für nur 170 000 Tonnen. In Hamburg, Rostock und Antwerpen löscht die Scipio-Gruppe zur Zeit die restliche Frucht-Tonnage – ein für Wessels nicht länger akzeptabler Zustand.

„Mehr Platz, oder ich wandere ab“, drohte Wessels dem Senat schon vor Jahren. Im Juni vergangenen Jahres schien eine Lösung gefunden zu sein. Der Neustädter Hafen auf dem linken Weserufer sollte von 1993 an den Fruchtumschlag aufnehmen. Wessels und die Bremer Lagerhaus-Gesellschaft (BLG), Umschlagsmonopolist und mehrheitlich im Besitz der Stadt, waren mit dem Umzug einverstanden und gründeten eine gemeinsame Investitionsgesellschaft, der Senat segnete den Umzug per Beschluß ab.

Neun Monate später gab Hafensenator Uwe Beckmeyer von der SPD überraschend eine neue Parole aus: Alles bleibt beim alten. Beckmeyer wollte den Fruchtumschlag im Europahafen belassen, dessen Kajen und Umschlagsanlagen erneuern und die Lagerflächen vergrößern. Sein Sinneswandel rührt von einem geänderten politischen Umfeld her.

Seit Dezember 1991 regieren an der Weser nämlich die Grünen mit. Sie fordern, alte Hafenreviere als Gewerbeflächen zu nutzen. Entsprechende Prüfaufträge zu vergeben, haben SPD, FDP und Grüne in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, und die ersten Ergebnisse werden Ende des Jahres erwartet.

Spätestens dann droht der Lagerhaus-Gesellschaft der Verlust von Hafenterrain. Im Herbst 1990 hat sie den ersten Griff der Stadtplaner nach dem Europahafen noch abwehren können. Der für Häfen und für das Bauwesen zuständige Senator Konrad Kunick hatte gemeinsam mit Stadtentwicklungssenatorin Evamaria Lemke-Schulte den Plan „Havenstadt“ ausgeheckt: Der Europahafen sollte zugeschüttet und mit 2500 Wohnungen bebaut werden. BLG und Hafenwirtschaft brachten das Projekt zu Fall, damals, als Sozialdemokraten im Senat noch unter sich und in entscheidenden Gremien zumindest in der Mehrheit waren.