Wo gibt es denn so was – einen beinharten Manager, der seinen Chefposten verläßt, weil er in seiner Familie gebraucht wird? Hans Woitschätzke hat es getan. Er gab den Posten als Vorstandsvorsitzender des Sportschusters Puma AG im März vergangenen Jahres ohne zu zögern auf, weil er seiner Tochter beistehen wollte. Sie hatte einen schweren Unfall mit langwierigen Folgen erlitten.

Nach über einem Jahr Pause ist der 52jährige nun wieder für einen Führungsposten vorgesehen. Er soll am 1. Oktober stellvertretender Vorstandvorsitzender des Münchener Modeunternehmens Escada werden und dann eine Strategie entwickeln, die dem schlingernden Unternehmen wieder auf die Beine hilft. Das 1974 von Margarete und Wolfgang Ley gegründete Modehaus ist nach steilem Aufstieg seit einem Jahr auf deutlicher Talfahrt. Die Probleme der Firma, die im vergangenen Jahr 1,4 Milliarden Mark umsetzte, sind vor kurzem noch größer geworden: Anfang Juni starb Margarete Ley, die als treibende Kraft im Hause galt. „Unsere Managementstruktur ist nicht ausreichend“, gestand der Vorstandschef Wolfgang Ley ein, als er die Berufung des mit dem Markenartikelgeschäft vertrauten Woitschätzke bekanntgab.

Mit Aufgaben in Familienunternehmen kennt sich der in Eberswalde bei Berlin geborene Woitschätzke hervorragend aus. Ihm scheint die neue Rolle in dem Modehaus auf den Leib geschneidert. Er hat nämlich nicht nur den Grundstein dafür gelegt, daß Puma wieder auf dem Weg der Besserung ist, sondern zuvor schon den Skihersteller Kneissl wieder in Schwung gebracht. Auffällig sind die Parallelen zwischen Woitschätzkes neuer Aufgabe und der bei Puma. Beide Firmen haben bekannte Markenzeichen. Beide wurden mit großen Erwartungen 1986 an die Börse gebracht, bei beiden erreichten die Aktien Rekordkurse und stürzten nach Gewinneinbrüchen wieder ins Bodenlose.

Hans Woitschätzke hat eine für deutsche Verhältnisse bemerkenswerte Biographie. Der eher introvertierte Manager hat nichts von einem stromlinienförmigen Macher. Woitschätzke ist im Umgang locker und braucht, um seriös zu wirken oder seine Mitarbeiter zu beeindrucken, nicht ständig einen dunklen Anzug. Er ist sich auch nicht zu fein dazu, bei Escada offiziell nur der zweite Mann zu sein.

Welcher Manager kann von sich sagen, als junger Mensch auf eigene Faust jahrelang durch die Welt getrampt zu sein? Wer hat sich schon zehn Jahre in den Vereinigten Staaten, Kanada und Venezuela mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen? Und wer war schon Unternehmer, bevor er Manager wurde? Der begeisterte Sportler Woitschätzke kann all das von sich behaupten. Er hat zunächst als Druckereiarbeiter gearbeitet, dann sein Abitur nachgemacht und sein in Rekordzeit in Boston absolviertes Studium mit dem Master in Business Administration gekrönt, bevor er mit einem Freund in Kufstein die Langlaufskifirma Trak gründete.

Immer wieder gibt er nach angemessener Zeit auf, was er auf einen guten Weg gebracht hat. Auch Puma verließ er, kurz bevor er die Früchte der Arbeit hätte ernten können. „Es ist der dümmste Moment, jetzt zu gehen, denn jetzt kommen die Erfolge“, sagte er selbst beim Abschied.

Solch gute Arbeit erwartet auch sein neuer Chef Wolfgang Ley von ihm, der froh ist, wenn Escada das laufende Geschäftsjahr noch mit Gewinn übersteht. „Der Markt verzeiht nichts mehr“, muß der Escada-Chef feststellen, und Hans Woitschätzke ist für ihn der „erfahrene Topmanager, der sicherlich wesentlich die Richtung des Unternehmens beeinflussen wird.“ Die durch stetige Erfolge der Vergangenheit verwöhnten knapp 6000 Escada-Beschäftigten werden sich nun auf die Tugend des Sparens einstellen müssen. Denn Hans Woitschätzke sagt von sich: „Ich bin ein Anhänger spartanischer Sitten.“