ZDF, Donnerstag, 11. Juni: „Ich will nicht nur, daß ihr mich liebt“

Was wollte er sonst noch? Hans Günther Pflaums Hommage an Rainer Werner Fassbinder ließ nicht erkennen, ob es außer Liebe und Bewunderung noch andere Regungen gab zwischem dem Filmgenie und seinen Leuten. Schauspieler, Kameramänner, Cutterin, Kollegen, Mutter waren sich einig: „Der Rainer“ war ein Wunderkind und aller Ehren, aller Liebe wert.

Es ist wohl unvermeidlich, daß ehemalige Mitarbeiter sich über einen toten Künstler, der Ruhm errang, freundlich äußern. „Die Klarheit im Umgang mit Menschen“ lobt Volker Schlöndorff; „er fehlt“, konstatiert Peter Zadek; „er war verführerisch“, findet Ingrid Caven; „so jemand wie ihn gab’s nicht noch mal“, schwärmt Hanna Schygulla; „er hat mich zutiefst geprägt“, bekennt Karl Heinz Böhm. Das mag ja alles so sein, aber es ist langweilig. Und es paßt nicht zu Fassbinder, der gesagt hat: „Das einzige, was ich akzeptiere, ist Verzweiflung.“ Festschriften, Würdigungen und Gedenkfilme sind dazu da, die Jubilare zu entrücken, um sie den Überlebenden vom Hals zu schaffen. Aber was man auch von Fassbinder halten mag, er war eine unkonventionelle, schräge Erscheinung. Deshalb hat er einen so konventionellen und gradlinigen Gedenkfilm wie „Ich will nicht nur, daß ihr mich liebt“ nicht verdient.

Das Titelzitat ließe sich interpretieren: „Ich will auch, daß ihr mir was an den Kopf schmeißt.“ Warum kann eine Erinnerung an Fassbinder nicht mal ruppig und ausfallend gegen den Exzentriker vorgehen? Zum Beispiel indem sie ausspricht, daß es sich bei vielen seiner Filme um spätexpressionistische Schmachtfetzen gehandelt hat? Und daß all das Gerede von einer „Chronik“ der Zustände in der Bundesrepublik (natürlich einer „genauen Chronik“!) völlig haltlos ist? Als wäre Fassbinder ein Chronist gewesen oder auch nur im entferntesten daran interessiert, „Zustände“ zu analysieren!

Das breitgequatschte Wort „Obsession“, das man schon nicht mehr hören kann, es paßt, wenn es um Fassbinders Œuvre und dessen Sujets geht, haargenau. Hier hat jemand seine Alpträume, seinen Verfolgungswahn und seine Aggressionen in bewegte Bilder umgesetzt, und das Wunder daran sind weniger diese Bilder selbst als die ungeheure Begeisterung, mit der sie im In- und Ausland verschlungen und gefeiert wurden.

Jetzt, in der Retrospektive, erscheint Fassbinder als begnadeter Visionär und seine Truppe als williges Werkzeug in der Hand des Bildners. Gab es keine Spannungen, keine Eifersüchte, keine Intrigen? Darüber redet man nicht, wenn man eines Toten gedenkt? Okay, aber dann soll man sich den Blick hinter die Kulissen ganz schenken. Wer ihn wagt und die Person portraitiert, muß den Mut zur Distanz, zu kontroversen Meinungen und kritischen Blicken aufbringen, sonst wird aus dem Gedenken das Gegenteil: ein Abschieben auf den Heldenfriedhof. Mit diesem Film hat Pflaum „den Rainer“ offiziös umarmt – wogegen sich Fassbinder in Wort und Bild immer gesträubt hat und was ihn auch denjenigen Kinogängern sympathisch machte, die seine Filme aus guten Gründen mieden.

Als Schmuddeltype und unverfrorener Kitschier fehlt er allerdings. Da helfen auch Würdigungen nicht, die ihn seriös und groß und bürgerlich machen wollen. Der Rainer war keiner, über den man sich einig war. Barbara Sichtermann