Von Joseph von Westphalen

Was hat Oscar Wilde mit der neuen Vergangenheitsbewältigung zu tun? Keine Wortmeldung? Er hat. Angenommen, Richards Ellmanns voluminöse Biographie des Dichter-Dandys wäre schon vor 20, 25 Jahren erschienen (in der Zeit begann Ellmann mit den Recherchen) – das Anderthalb-Kilo-Buch hätte vermutlich eher Kopfschütteln erzeugt als das Wohlwollen, das ihm jetzt entgegenschlägt. Wen hätten in der studentenbewegten Bundesrepublik die extravaganten Umtriebe dieses egomanischen Individuums interessiert, dessen Asthetentum nicht gerade gesellschaftliche Relevanz verhieß?

Dabei konnte man auch in den kunstfeindlichen Jahren 1968 ff. Oscar Wilde durchaus für eine passable Figur halten. Prima Sprüche: „Ehrgeiz ist auch eine Form von Geisteskrankheit.“ So etwas war doch ein Schlag ins Gesicht der Leistungsgesellschaft. Oder, ein Satz, der tausend Seiten Sloterdijk mühelos vorwegnahm: „Versuchen Sie nicht, zynisch zu sein; es ist so leicht, zynisch zu sein.“ Oder: „Erfolg ist immer etwas Vulgäres.“ Noch immer ein guter Trostspruch für verkannte Künstler und eine brauchbare Erklärung für die Beliebtheit von Thomas Gottschalk und die Haltbarkeit der Regierung Kohl.

Nicht nur die schillernde Figur Wildes, auch die Arbeitsweise seines Biographen wäre in der dunklen Vergangenheit möglicherweise auf Ungnade gestoßen. Damals tobte die Literaturwissenschaft ihre Leidenschaft in der Analyse von Textsorten oder im „ideologischen Ansatz“ aus. Das Aufspüren biographischer Delikatessen galt auf den Universitäten als unergiebige, veraltete Methode, nicht zuletzt, weil die Regale der Seminarbibliotheken mit zahlreichen distanzlosen Huldigungsbiographien aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert verstopft waren, in denen eine raunende Germanistik ihren Schülern weismachen wollte, ein simpler Goethe-Vers sei nur verständlich, wenn man wüßte, welche Verliebtheit in welche Frau sich dahinter verberge.

Futsch die guten alten Werte

Richard Ellmann deutet nicht, und er benutzt auch keinen Weihrauch. Er hat jahrzehntelang Quellen zusammengetragen und das Kunststück fertiggebracht, die Materialmassen so zusammenzufügen, daß sich diese (nach Ellmanns Tod 1988 in den USA erschienene) Biographie wie ein Roman liest. Der Verdacht, daß hierzulande nicht nur die deutschsprachigen Autoren, sondern auch die Professoren mit einer prinzipiellen Unfähigkeit zu erzählen geschlagen sind, ist nach der Lektüre dieses Werks nicht mehr von der Hand zu weisen.

Wildes Schicksal ist im großen und ganzen bekannt: der glanzvolle Auftritt des eleganten, eloquenten Poeten in der feinen Gesellschaft – und wie dann die Gunst umkippt in Verachtung, wie Wilde das Opfer einer Moral wird, die man immer leichthin als viktorianisch bezeichnet und damit als passé, obwohl man weiß, daß es auch heute für die Boulevardzeitungen, und nicht nur für diese, ein Fest ist, einen Star zu stürzen und zu schlachten. Ellmanns Buch über Wilde tönt sympathischerweise nicht marktschreierisch herum, als werde hier ein völlig neues Bild des Dichters gezeichnet. Ellman zeigt einfach mehr Wilde. Fünf- bis sechsmal soviel Wilde wie bisher.