Zimperlich sind die deutschen Professoren nicht, die gegen die Verträge zum Aufbau der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion zu Felde ziehen. In ihrem Manifest fahren die sechzig Ökonomen schwerstes Geschütz auf: Die Beschlüsse von Maastricht könnten „in absehbarer Zeit zu einer politischen Zerreißprobe führen“, sie gefährdeten „ein konfliktarmes Zusammenwachsen in Europa“. Die Kritik an dem Vertragswerk, das der europäischen Einigung neuen Auftrieb geben soll, um die Gemeinschaft zu festigen, ist vernichtend.

Kommt die Warnung gerade noch zur rechten Zeit, um die Ratifizierung der Maastricht-Verträge zu verhindern und damit Schaden durch Europa vom deutschen Volke abzuwenden? Haben die Regierungen in ihrem Bestreben, die europäische Integration voranzutreiben, nicht nur den Unmut und den Unwillen in der Bevölkerung, sondern auch die wirtschaftlichen Risiken unterschätzt? Müssen die Deutschen ihre geliebte Mark gegen minderwertiges Eurogeld eintauschen, weil die EG – wenn die Währungsunion vertragsgemäß verwirklicht wird – von einer Wohlstandszu einer Inflationsgemeinschaft verkommt?

Die Professoren, die für sich den ökonomischen Sachverstand reklamieren, schüren die Panik. Die Ökonomen eint indes allein das Nein gegen die Maastrichter Verträge. Daß sie verschiedenen ökonomischen Schulen angehören, wie eine der Initiatoren, die Außenwirtschaftsprofessorin Renate Ohr, hervorhob (siehe ZEIT Nr. 22 vom 22. Mai 1992), verleiht ihrer Stellungnahme entgegen eigener Einschätzung nicht zusätzliches Gewicht, sondern beeinträchtigt die Glaubwürdigkeit ihres Urteils. Denn um den Glaubensstreit zu überdecken, vermeiden die Unterzeichner ökonomische Argumente, sie beschränken sich in ihren elf Thesen auf politische Spekulationen und widersprüchliche Behauptungen.

Beispiel 1: Die Autoren verlangen eine vertraglich festgeschriebene absolute Stabilität des Preisniveaus. Das schließt aus, daß die Geldpolitik zur Steuerung der Konjunktur eingesetzt wird. Werden aber, wie in dem Manifest unterstellt wird, auch künftig geldpolitische Instrumente zur Konjunkturbeeinflussung eingesetzt, schließt das wiederum eine absolute Preisstabilität aus.

Beispiel 2: Die Unterzeichner des Manifestes bemängeln, daß die Mitgliedstaaten bestimmte Kriterien (eine relative Preisstabilität und bestimmte Grenzen der Staatsverschuldung) als Eintrittsbedingungen für die Währungsunion nur zu einem Stichtag „mehr oder weniger zufällig“ erfüllen müssen – als ob solche Daten nicht über mehrere Jahre durch eine solide Wirtschafts- und Finanzpolitik erarbeitet werden müssen. Die Verfasser unterstellen den Staaten, daß sie nur so lange solide sind, bis sie die Mitgliedschaft im Währungsclub ergattert haben, um dann auf Kosten der übrigen in Saus und Braus zu leben.

Beispiel 3: Die europäische Zentralbank wird schon im voraus bezichtigt, daß sie mangels Anreiz und mangels persönlicher Unabhängigkeit ihrer Gouverneure die Aufgabe, in Europa für Preisstabilität zu sorgen, nicht erfüllen wird. Weil man noch nicht wisse, wer die Gouverneure sein werden, könne man sie folglich „vorab verdächtigen, gegen ihre Pflicht zu handeln, ohne sich eine Verleumdungsklage zuzuziehen“, lästert der konservative Ökonom Wolfram Engels über seine Professorenkollegen, die das Protestpapier unterschrieben haben.

Es ist schon verwunderlich, daß die Manifest-Autoren, nach deren Überzeugung Europa am deutschen Geldwesen genesen soll, gerade die Vertragsbestimmungen über die europäische Zentralbank rügen; denn diese Regeln sind dem deutschen Bundesbankgesetz nachempfunden und zum Teil sogar noch schärfer gefaßt worden. Es zeugt schon von deutschem Hochmut, den Partnern pauschal ein mangelndes Stabilitätsbewußtsein zu unterstellen. (Besonders pikant: Ausgerechnet Finanzminister Theo Waigel wendet sich gegen diese Überheblichkeit, hat er doch mit seiner Finanzpolitik dafür gesorgt, daß dieser Dünkel nicht mehr gerechtfertigt ist.)