Von Gunhild Freese

Für Günter Wille war der Weg klar vorgezeichnet: "Man kann nur verlegerisch wirken, wenn man wirtschaftlich stark ist", befindet der Chef des Axel Springer Verlags. Seit einem Jahr steht der ehemalige Zigaretten-Manager an der Spitze des Pressekonzerns. Doch verlegerisch hat sich seitdem bei Springer, wie so viele Jahre lang, zunächst wenig getan. Von der Springer-Familie ins Haus geholt, um den verschlafenen Konzern auf Trab zu bringen, mußte sich der neue Mann erst einmal um Kosten und Planstellen kümmern. "Nach innen", so sein Fazit nach zwölf Monaten, "ist schon viel geschehen." Da freilich habe er auch umfänglichen Handlungsbedarf vorgefunden.

In vielen erfolgreichen Jahren hatte der Pressegigant Speck angesetzt. Wille verordnete ihm denn auch prompt eine Fastenkur. Im Herbst 1991 begann diese mit dem Rausschmiß hochbestallter Vorstandsmitglieder. Bis spätestens 1993 will Wille Verlag und Redaktion um 1400 Arbeitsplätze verkleinern – rund achtzehn Prozent der Mitarbeiter sind betroffen.

Bereinigt hat er – gleich im ersten Anlauf als Verlagschef – auch einige verlegerische Ausflüge seines Vorgängers Peter Tamm, die, so Wille, sich niemals rechnen würden: einige ehemalige DDR-Blättchen aus der Hinterlassenschaft der LDPD, einige Ausgaben der Fachzeitschrift Medical Tribune, vor allem aber den spanischen Bild- Abklatsch Claro, gerade noch in gemeinsamer Verantwortung von Peter Tamm und Wille aus der Taufe gehoben. 90 Millionen Mark hat den Verlag der Abstecher ins Spanische gekostet, weshalb auch der Gewinn im vergangenen Jahr so bescheiden wie nie ausfiel. Ganze 11 Millionen sind übriggeblieben. 1990 waren es noch 65 Millionen, die Jahre davor immer mehr als 90 Millionen Mark.

Den Aktionären, denen eine Dividende von zwölf Mark quasi garantiert war, dürften angesichts der Opfer, die viele Mitarbeiter dem Umstrukturierungsprozeß ihres neuen Vorstandschefs zollen müssen, nur wenige Argumente einfallen gegen Willes Vorschlag, für 1991 die Dividende ausfallen zu lassen. Zudem wird er sie auf der Hauptversammlung Mitte Juli nicht in die Hoffnungslosigkeit stoßen: Das zurückliegende Geschäftsjahr, so versprach er schon den Führungskräften des Hauses wird "in der Firmengeschichte ein einmaliger Austrutscher bleiben."

Seinen Unternehmen konzediert Wille inzwischen so viel Standfestigkeit, daß er die Konsolidierungsphase für beendet betrachtet. "Mit dem heutigen Tag", so beschwor er am vergangenen heutigen seine Führungskräfte, "beginnt die Phase der Expansion. Wir werden uns Märkte zurückholen, die wir verloren haben. Wir werden neue Märkte erobern."

Doch die ersten Schritte im ungeübten Kürlauf als Verleger sind eher verwirrend. Welche Richtung das Haus Springer nimmt, welche verlegerischen Zeichen Wille setzen wird, ist noch kaum erkennbar. Daß er nun einer sehr eigenen Art von Unternehmen vorsteht, das hat er schon erkannt: Mit Menschen habe er es zu tun und mit deren arteigenen Empfindlichkeiten, Übersensibilitäten und Emotionen. Auch daß mit Gerüchten gehandelt wird, die sogar gelegentlich ganz gezielt eingesetzt werden, um Stimmungen zu erzeugen, hat er schon am eigenen Leibe erfahren. Und damit meint Günter Wille nicht nur das Gerede um seine Krankheit. Schließlich erhalte er auch als "Seiteneinsteiger gewisse Aufmerksamkeit". Und daß er diesen Job packt, das, meint er, werde von einigen in der Branche wohl "als wenig wahrscheinlich betrachtet".