Vor 500 Jahren teilte Papst Alexander VI. die Welt in zwei Hälften: auf der Westseite der imaginären Trennungslinie, die 370 Meilen westlich der Azoren verlief, durften die Portugiesen die Neue Welt erobern und auf der östlichen die Spanier.

Ein halbes Jahrtausend später hat der Borgia-Papst Nachfolgetäter gefunden. In Berlin zog ein Historikergremium auf Geheiß des Wissenschaftssenators Manfred Erhardt und in dem Bestreben, die sogenannten kleinen Fächer der zwei städtischen Universitäten neu zu gliedern, ebenfalls eine West-Ost-Achse über den Globus: Alle Länder des Nahen Ostens sollen künftig Einflußgebiet der Freien Universität in Berlin-West sein, und der Ferne Osten nebst Afrika – der Borgia-Papst war geographisch konsequenter – geht an die Humboldt-Universität in Berlin-Ost.

Der Grund für diese Einteilung ist der Versuch, die Ressourcen Berlins gerechter zu verteilen und Doppelungen zu vermeiden. So wurde Sinologie sowohl an der FU als auch an der HU angeboten. Nun soll daraus ein größerer Bereich an nur einer der Universitäten werden.

Die Frage ist nur, an welcher und wie? Da es, wie der Neuordnungsentwurf der Kommission feststellt, keine Patentlösung gibt, weil es "für die Zuweisung der Fächerverbände an die beiden Universitäten keine sachlichen Gründe" gibt, ist man auf die Idee mit der Geographie verfallen, hauptsächlich der Studenten wegen. Sie "sollten ihr Hauptfach sowie ihre Nebenfächer möglichst an einer Universität studieren können", heißt es in dem Entwurf. Dessen Fazit: "Geht man davon aus, daß die HU in den fernöstlichen Bereichen stärker ausgebaut ist und daß die FU nach Anzahl und Vielfalt der Fächer die größeren Potenzen für den Nahen Osten besitzt, so liegt es nahe, den Fernen Osten der HU, den Nahen der FU zuzuweisen." – "Und östlich des Indus beginnt die HU", witzelte eine Berliner Studentenzeitung.

Aber was durchaus plausibel erscheinen mag, löst bei den unmittelbar Betroffenen Aggressionen einer Intensität aus, die die Konquistadoren als vergleichsweise friedliche Gesellen erscheinen lassen. Über dreißig Orchideenfächer, "ein ganzer Flohzirkus", wie der Kommissionsvorsitzende, der Münchner Althistoriker Christian Meier, erschöpft gezählt hat, beschweren sich, sind empört und machen sich Luft in Erklärungen, Petitionen, Klagebriefen, Informationsveranstaltungen und Medienbeiträgen. Koreanistik und Mongolistik; Turkologie und Mandschuristik, Assyriologie und Semitistik, Altamerikanistik und Neogräzistik, Balkanologie und Hungarologie – im Prinzip sind alle ihre Fachvertreter für eine Umstrukturierung, sagen sie, aber im Detail hat jeder tausend Gründe, warum gerade seine Orchidee nicht umgetopft werden dürfe.

"Unwissenschaftlich", lautet der Hauptvorwurf an die Kommission; eine "Wissenschaftsauffassung des vorigen Jahrhunderts" habe da gewaltet, wettert der Religionswissenschaftler Hartmut Zinser in einem Brief an den FU-Präsidenten gegen das Ansinnen, nach Berlin-Ost umziehen zu müssen. Inoffiziell wird er noch deutlicher: "Das ist Kolonialismus, wie im 19. Jahrhundert."

Giftige Orchideen. Wer mag da noch auf eine neue Ordnung in den alten Treibhäusern hoffen? An der Umstrukturierung der Berliner Hochschullandschaft wäre vermutlich selbst Papst Alexander VI. gescheitert. Sabine Etzold