Von Gabriele Riedle

Striptease geht so leicht. Das eine Geschlecht (Frau) zieht sich aus und kommt dann nicht weiter vor, das andere (Mann) johlt. Wer johlt, der zahlt, wer zahlt, schafft an, wer anschafft, ist der Allergrößte und hat im Leben alles erreicht. Heute zahlen zur Abwechslung einmal die Frauen, die ja jetzt oft eigenes Geld haben, weshalb sie auch ordnungsgemäß johlen – nur, ob sie deshalb auch gleich bestimmen?

Mal sehen. Beim Hamburger Gastspiel der „California Dream Men“, der „Strip-Sensation aus den USA“, die sich (wie vorher schon einige andere ähnliche Strippertruppen) auf Europatournee befindet, sind die Frauen jedenfalls wild entschlossen, ihren Geld- und Grölbeitrag zur akuten Geschlechtsumwandlung des klassischen Striptease schon einmal vorzustrecken. Männer müssen leider draußen bleiben. „Wir“ sind „unter uns“, „wir“ 20- oder 65jährigen, Schuhverkäuferinnen oder Witwen, Studentinnen oder Unternehmergattinnen.

Noch bevor sich auch nur ein Zipfel eines kalifornischen Traummannes auf der Bühne blicken läßt, bebt das biedere Kongreßzentrum unter Pfeifen und Kreischen und unter spontanen Verschwesterungsszenen dialogwilliger Sitznachbarinnen in einer Mischung aus Fußballplatz und Feministinnenkongreß anno 1978. Altmodische wohlige Weiberwärme. Motto: Frauen gemeinsam sind halbstark.

Musik! Donnerndes Potpourri kalifornischer Evergreens. Fünfzehn brustrasierte, freundliche Edelknaben mit herrlichen Zähnen, gepflegten Haaren und dem natürlichen Charme von nebenan tänzeln herbei. Schon fällt die erste Hose. Gleich gibt’s die ersten Männerärsche (nicht doch: dies sind keine Popos, Hinterteile oder ähnlich Schwächliches, nein es sind eben klassische Ärsche, fest, rund und hübsch und unter Hunderten von Bewerbern ausgewählt). Wieder und wieder strecken sie sich kokett den Jodel-Damen zur Begutachtung hin (prima! prima!). Hier reibt einer genüßlich seinen Gürtel, mitunter singt Prince Matchabelli, der Star des Ganzen, einen bekannten Hit, allgemein viel Hüftarbeit beim Tanzen, und alsbald bespringt einer gekonnt den Bühnenboden aus der Bewegung heraus in einer Art doppeltem Rittberger mit Liegestützfinale.

Die Jungs sind alle exzellente Tänzer, die Choreographie ist. ausgefeilt, man legt größten Wert auf „künstlerische Qualität“. Dies soll schließlich nicht irgendeine zwielichtige Schmuddelshow, sondern geradezu niveauvolle Unterhaltung sein, die frau auch ihrer Avon-Beraterin mit gutem Gewissen weiterempfehlen kann.

Und dann! Dann holt sich einer eine Dicke aus dem Publikum. Und der zeigt er von hinten, was ein Mann kann. Yeah! Und einer wirft eine Dünne auf seine Harley Davidson und legt sich selber obendrauf und dekoriert schnell noch ihre Hände auf seinen nackten Arsch. Yeah! Und einer legt sich eine auf den Bühnenboden, auf daß er sie und sich über Kreuz bediene. Yeah! Beziehungsweise eben nicht. Denn, o weh, es nützt kein fachfrauliches Schielen um die Beine herum – die hüllenlosen Herren bestehen die Echtheitskontrolle einfach nicht. Dennoch quieken die netten Damen spitz und lachen laut. Über die Jungs und über sich selbst und über das ganze abgekartete Spiel, das niemand ernst nimmt und das dennoch allen gefällt – heute tun wir so, als ob.