Von Willem Verbarg

Es ist jetzt Winter in Südafrika, die Zeit, in der Menschen erfrieren und verhungern. In diesem Jahr werden es mehr sein als üblich. Die Rezession hat sich verschärft. Mehr Leute sind arbeits- und obdachlos. Mehr Leute sind hoffnungslos. Darunter jetzt auch Weiße. Verschämt schließen sie sich den Schlangen an, wenn Wohlfahrtsorganisationen heiße Suppe und Tee ausschenken und wärmende Decken verteilen.

Mehr als 42 Prozent der südafrikanischen Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Der „Burensozialismus“, welcher Weißen – auch ohne Qualifikation – zu Lasten der Schwarzen sichere Arbeit und Einkommen garantierte, ist nach dem Ende der Apartheid zusammengebrochen. Ein neuer sozialdemokratischer Wohlfahrtsstaat, der allen – Schwarzen wie Weißen – ein Auskommen sichern soll, wird auf sich warten lassen. Die oppositionelle Schwarzenorganisation ANC, die schon bald regieren will, verheißt zwar solche soziale Sicherheit. Doch zwischen Wunsch und Wirklichkeit steht noch die große Frage „Wie“?

Bevor überhaupt die soziale Frage zur Debatte steht, haben sich die Verhandlungen um eine neue Verfassung an der Auslegung des Wörtchens „demokratisch“ verhakt. Demokratie, so verlangt der ANC, muß bedeuten, daß die Mehrheit des Volkes die künftige Verfassung und Politik festlegen kann. Die nationale Partei, die noch als weiße Minderheit regiert, betont dagegen den Minderheitenschutz. Sie besteht auf dem Konsensprinzip für ein neues Grundgesetz und einem Vetorecht für Minoritäten. Das wollen auch eine Reihe von Homeland-Führern, die ihre Position allein der Apartheidspolitik verdanken und sich nun vor demokratischen Wahlen fürchten. Unter dem Schlagwort Föderalismus versuchen sie, soviel wie möglich von ihren Fürstentümern in das neue System hinüberzuretten. Teils biedern sie sich beim ANC mit der Anrede Comrade (Genosse) an, teils versuchen sie, mit Hilfe des noch regierenden Staatspräsidenten Frederik Willem de Klerk dem ANC mehr Zugeständnisse zu entpressen.

Rauhe Töne

So gerieten die Verhandlungen ins Stocken. Aber es wäre wohl auch illusorisch zu glauben, daß alles reibungslos über die Bühne geht – gerade dann, wenn die wirkliche Neuverteilung der Macht beginnt. Auch nach der Verhandlungsrunde in dieser Woche werden entscheidende Fragen noch offenbleiben. Und doch kann sich Südafrika keinen langen Stillstand leisten. Denn solange sich nichts bewegt, solange keine Übergangsregierung im Amt ist und sich die künftige Gestalt des Staates nicht klarer abzeichnet, so lange wird auch ein wirtschaftlicher Aufschwung auf sich warten lassen. Kein Kreditgeber wird Geld geben, wenn er nicht weiß, wie es verwendet und zurückgezahlt wird. Kein Unternehmer wird investieren, solange das Eigentums- und Steuerrecht ungeklärt und die Marktentwicklung unberechenbar ist.

Wenn in Südafrika aber nicht bald investiert wird, dann könnte der Strudel nach unten unaufhaltsam werden. Nur noch sieben von hundert Jugendlichen finden zur Zeit eine Stelle auf dem Arbeitsmarkt. Immer mehr gleiten in Kriminalität und Gewalt ab. Und je mehr Gewalt um sich greift, desto schlechter wird das Klima zum Investieren.