Er habe „ihm ins Angesicht widerstanden“, berichtet Paulus über eine Auseinandersetzung mit dem als „Kephas“ (dem Felsen) bezeichneten Petrus. „Wenn du, obwohl du ein Jude bist, nach Art der Heiden und nicht der Juden lebst, wie magst du die Heiden zwingen, nach jüdischer Art zu leben?“ Streitpunkt war damals die Frage, ob jeder, der den neuen Glauben annehmen wollte, zuvor die Beschneidung über sich ergehen lassen und das mosaische Gesetz übernehmen müsse. Paulus damals kategorisch: nein – und das „Apostelkonzil“ bestätigte diesen zweiten Bildungsweg.

Erst der Kirchenkampf im 19. Jahrhundert sorgte für die Bildung von solcherart Interessenvertretungen wie „christlichen“ Parteien. Daß die Gründung des Zentrums vor allem auch antipreußische/kleindeutsche Tendenzen verfolgte, steht am Rande; aber der Kulturkampf erhob die föderalistische Partei zur Sammlungsbewegung. Analog der Charakter der 1945 gegründeten CDU: Dem Ursprung nach ist sie eine Weltanschauungsgruppierung – zur Bedeutung einer Volkspartei aber stieg sie auf gegen einen antisozialistischen wie antiliberalistischen Sog.

Insofern ist es nur zu verständlich, wenn der Kölner Kardinal Joachim Meissner sich (und uns) fragt, ob die CDU noch eine christliche Partei sei: In dem von ihm geforderten Sinne war sie es (so gut wie) nie. Und so ist die Empfehlung des Kardinals an die Partei, sie solle sich umbenennen, gar nicht so unschlüssig: Eine neue könnte werden, was die alte nun doch noch nicht ist – ein Instrument kirchlich-hierarchischen Strebens nach Machtanteilen und Einflußpotential.

Die Aufforderung erhielt allerdings eine skurrile Begründung: Die Partei verlasse „die christliche Nonkonformität, um in eine weltliche Konformität“ zu wechseln. Was aber ist der massive Druck katholischer Hierarchen auf die nur ihrem Gewissen verantwortlichen Abgeordneten anders, als Konformität durchzusetzen mit der in splendider Isolation verfochtenen Meinung eines römischen Oberhirten? Wieso will ein heutiger Kephas die „Heiden“ zwingen, nach „jüdischer Art“ zu leben, wenn sie etwa den Paragraphen 218 StGB neu fassen?

Noch deutlicher freilich wurde der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Mainzer Bischof Lehmann – und entlarvte so sein fundamentalistisches Verständnis des Staat/Kirche-Verhältnisses. Die Kirche werde „aus dem staatlichen Beratungssystem aussteigen, wenn der (überparteiliche Gruppen-)Antrag Gesetz wird“. Ein klareres Ultimatum hat die Katholische Kirche schon lange nicht mehr gestellt – und dies auch die Mehrheit der Menschen betreffend, die, glaubend oder nicht, gar nicht in ihre Kompetenz fällt. Das Vatikanische Konzil setzte einmal dem Alleinvertretungsanspruch der Katholischen Kirche ein Ende – Bischof Lehmann ist mit seinem Diktum weit in die vorkonziliare Phase zurückgefallen.

Wenn nun diese Kirche tatsächlich aus institutioneller Heuchelei das Beratungssystem verließe und damit eine der Kardinaltugenden, nämlich die barmherzige Hilfeleistung, verriete, möchten wir doch bitten, konsequenterweise gleich auch aus anderen „Beratungs“-Runden auszusteigen, aus den Gremien der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zum Beispiel; sich aller „beratenden“ Tätigkeiten zu enthalten, bei der Besetzung universitärer Lehrstühle etwa. Und wir – „Wir sind das Volk!“ – könnten selber einiges an „Beratung“ einstellen, den staatlichen Einzug der Kirchensteuern vielleicht. Oder sogar das letzte Relikt aus nationalsozialistischer Zeit, das Konkordat, „beratenderweise“ zu kündigen.

Manch ein Saulus wurde schon zu einem Paulus – aber nicht jeder Bischof auch zu einem Kephas. Wir sollten den „Judenchristen“ unter den Worthülsen-Hirten „ins Angesicht widerstehen“, auf dem zur Zeit laufenden Katholikentag in Karlsruhe zum Beispiel. Heinz Josef Herbort