HANNOVER. – Die Sektkorken knallten, das Bier schäumte. Sie feierten bis in die Nacht. "Geschafft!" Die Freude war groß. Ministerpräsident und Oberbürgermeister, CDU und SPD, Gewerkschaften und Unternehmerverbände – sie lagen sich in den Armen. Alles, was Rang und Namen hat in der Leinemetropole, vereinte sich ungeachtet aller Differenzen zu einem einzigen Schrei der Erleichterung: "Jaaaaaaaa – Mehrheit für die Expo."

Wie knapp die Bürgerbefragung in Wirklichkeit ausgefallen war, konnte indessen auch der eifrigste Befürworter nicht leugnen: Nur 51,5 Prozent der Hannoveraner sprachen sich dafür aus, daß in der Landeshauptstadt eine Weltausstellung stattfinden soll. 48,5 Prozent waren dagegen. Und zur allgemeinen Überraschung hatten sich fast so viele an dieser – in der bundesdeutschen Geschichte einmaligen – Befragung beteiligt wie an Kommunalwahlen: 61,7 Prozent, exakt 262 126 Bürger. Kein Grund also, den Aussagewert des Plebiszits in Frage zu stellen. Dennoch: Obwohl sich die großen Parteien einig waren, obwohl sie die Medien genauso hinter sich hatten wie nahezu alle bedeutenden Verbände, votierte immerhin fast jeder zweite im Sinne einer Minderheit, folgte der Empfehlung von Grünen und Umweltschutzverbänden und sagte "nein". Wenn das kein Mißtrauensvotum ist!

Während die einen diesen Umstand geflissentlich übersehen und das Votum schönreden als "Zeichen der Vernunft gegen die Propagandisten der Angst", sehen die anderen die knappe Mehrheit immerhin als Hinweis darauf, "daß die Menschen Großprojekte nicht mehr unkritisch akzeptieren". Und selbst der Ministerpräsident räumt ein, daß angesichts der vielen Gegenstimmen das Expo-Konzept überdacht werden muß. Als Weltausstellungs-Betreiber aber sieht der sozialdemokratische Regierungschef in dem Abstimmungsergebnis vor allem ein Signal für Bonn. "Jetzt liegt die Verantwortung bei der Bundesregierung", verkündet Schröder, erinnert daran, daß die Expo eine "nationale Aufgabe" sei, mahnt eine finanzielle Beteiligung an dem Milliardenspektakel an und betont unmißverständlich: "Wenn der Bund sich zurückzieht, mit welcher Ausrede auch immer, ist das Projekt gestorben."

Bonn zeigt sich indessen vom "Expo-Ja" nur wenig beeindruckt. Sicher, während des CDU-Landesparteitages in Wolfsburg machten sich sowohl Bundesinnenminister Rudolf Seiters als auch dessen Amtsvorgänger Wolfgang Schäuble am Wochenende für die Superschau stark. Im Bonner Finanzministerium aber stehen die Ampeln weiterhin auf Rot. "So wie sich Schröder die Finanzierung vorstellt", warnte Waigels Staatssekretär Joachim Grünewald, "ist dies nicht zu machen." Grünewald verwies auf die angespannte Haushaltslage des Bundes und empfahl, wie zuvor schon sein Chef, eine Expo auf "schmalerer Basis" und die Mobilisierung privaten Kapitals. Johann Eekhoff, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, fand den Ausgang der Befragung "enttäuschend". Mit einer endgültigen Entscheidung Bonns sei erst im Herbst zu rechnen.

Das Bundeskanzleramt sieht sich angesichts der großen Zahl der Expo-Gegner nicht veranlaßt, das Tempo zu forcieren. "Das Ergebnis bringt keine grundsätzlich neue Lage", meinte Kanzleramtsminister Friedrich Bohl. "Jetzt sind erst einmal die Gremien der Stadt und des Landes dran." Doch die Zeit wird langsam knapp. Denn im kommenden Jahr muß sich der Ausrichter der Weltausstellung offiziell beim Expo-Büro in Paris eintragen. Es gebe auch noch andere Länder, die Interesse daran hätten, das dritte Jahrtausend einzuläuten, drängeln sie an der Seine. Nur mit einer Stimme Vorsprung hatte sich Hannover 1990 gegen die Konkurrenz aus Toronto durchgesetzt. Gemeinsam mit der früheren niedersächsischen Finanzministerin Birgit Breuel hatte sich Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg damals in Siegerlaune den Photographen präsentiert. Heute schweigt Birgit Breuel zur Weltausstellung. Die "Mutter der Expo", die die Idee für die Superschau einst mit der Deutschen Messe AG ausheckte, verweigert jeden Kommentar. Die Treuhandchefin hat andere Sorgen und hätte heute sicher eine bessere Verwendung für die geplanten Expo-Milliarden. Heinrich Thies