Von Bernd Müllender

Krieg! Ja, es ist Krieg in Kroatien. Kroatische Verbände kämpfen innerhalb der eigenen Staatsgrenzen weiter erbittert gegen die Bundesarmee des ehemaligen Jugoslawien und gegen serbische Freischärler, kroatische Freischärler kämpfen sogar im Nachbarland Bosnien-Herzegowina. Wir sehen es täglich im Fernsehen. Die Begriffe Krieg und Kroatien sind unterbewußt Synonyme geworden.

Krieg? Welcher Krieg? Nein, der Krieg ist vorbei. Das sagen die kroatischen Tourismus-Verantwortlichen und schütteln den Kopf über soviel Vorurteile. Davor Faget, Direktor des vor knapp einem Jahr neu gegründeten kroatischen Fremdenverkehrsverbandes in Frankfurt, gibt Beruhigendes mit auf den Weg: "Da sind nur noch einige Banditen im Hinterland, serbische Feiglinge und Kommunisten, und die machen halt ab und zu eine Schießerei." Aber, das sei entscheidend, "nicht in den Urlaubsgebieten". Und darum veranstaltet der Fremdenverkehrsverband in diesen Wochen gleich mehrere Journalistenreisen durch das Land. Es ist die letzte Hoffnung, das Allerschlimmste für diese Saison abzuwenden. 1991 kamen, verglichen mit dem Jahr davor, durchschnittlich nur zehn bis zwanzig Prozent der Urlauber an die kroatische Adria. 250 000 Übernachtungen pro Tag zählte allein Istrien im Rekordsommer 1990.

Schon die Anreise hatte ihre Eigentümlichkeiten. Landung in der Hauptstadt Zagreb mit der neuen Linie Croatia Airlines (die seit Mai rund ein Dutzend Flüge pro Woche nach Frankfurt, Stuttgart, Berlin und Zürich anbietet): Nichts los am Airport. Unsere Maschine ist die einzige weit und breit. Ausländische Fluglinien meiden Zagreb noch. Vor dem Flughafengebäude stehen mehr weiße Uno-Fahrzeuge als Taxis. Krieg? Ja, er ist auch hier in aller Bewußtsein: Die beiden geleasten Boeing-Jets werden, so sie zeitgleich am Zagreber Boden stehen, vorsichtshalber weit auseinander geparkt – damit für den Fall eines Bombenanschlags nur eine vernichtet würde.

Ingeborg Trautluft, deutsche Botschaftsrätin in Zagreb, ist skeptisch. Über Karlovac solle man besser nicht in Richtung Adria fahren, in unmittelbarer Nähe sei noch wenige Tage zuvor gekämpft worden. Der Busfahrer sieht das anders und nimmt wie selbstverständlich den direkten Weg – in Karlovac ist es dann zwar ruhig, aber überall sind die Folgen des Krieges zu sehen: ausgebrannte Häuser, schwere Einschläge in Gebäudewänden, zertrümmerte Scheiben zuhauf, beiseite geräumte Panzersperren und bewaffnete Soldaten an jeder Ecke. Weiter westlich beginnt bald das friedlichere Hinterland von Rijeka.

Auf der Halbinsel Istrien, dem nordwestlichen Zipfel des alten Jugoslawien, und auf den Adria-Inseln wie Krk, Cres oder Losinj haben nie Kämpfe stattgefunden. Die erste Abendstimmung bestätigt die wohlfeilen Worte der Touristiker wie bestellt: Goldener Glanz fällt bei Sonnenuntergang auf das malerische istrische Dörfchen Rovinj. Der mächtige weiße Glockenturm der Kirche überragt wie ein sorgsamer Wächter das enge, rötlich-braune Gassenlabyrinth. Kaum hörbar schlagen ein paar Leinen gegen die Masten der Boote unten im Hafen. Stiller kann das Wasser der Adria kaum vor sich hin plätschern. Eine geradezu aufdringlich demonstrative Ruhe ... Es herrscht Frieden im Land.

Das Land ist schön wie immer: die pittoresken Urlaubsorte Rovinj, Porec, Rabac, Mali Losinj mit seinen dschungelartigen Pinienwäldern oder Pula mit seinem Kolosseum, dazu eine sanfte Küstenlandschaft, Olivenhaine, Weinberge. Die Dörflein wirken ein bißchen venezianisch; mancherorts erinnern sie, besonders wegen der Zypressenhaine, an die Toskana. Im Hinterland locken Siedlungen mit kleinen römischen oder byzantinischen Kulturdenkmälern. Istrien nennt sich krasna semjla – das prächtige Land.