Wo Antworten fehlen, wird viel gerätselt. Oft leiden wir geradezu unter der unermüdlichen Suche nach den Gründen und stellen abenteuerliche Überlegungen an, wenn die Ursachen eines Ereignisses unbekannt und unerklärlich sind. Das gilt besonders für lebensbedrohende Krankheiten wie Krebs. Denn wenn wir die Ursache nicht kennen, können wir uns nicht schützen. Während Lungenkrebs mit Rauchen zusammenhängt und Hautkrebs vielleicht mit häufigen Sonnenbränden, Magen- und Darmkrebs möglicherweise durch bessere Ernährung vermeidbar ist und andere Tumoren mit Hilfe von Vorsorgeuntersuchungen frühzeitig erkennbar und dann oft heilbar sind – beim Eierstockkrebs sind wir nahezu hilflos.

Da nützt selbst ein fein entwickeltes Instrumentarium aus Labortests und Vorsorgeuntersuchungen nur wenig. Gerade weil die Früherkennung nicht funktioniert, ist das im Vergleich zu anderen bösartigen Neubildungen nicht sehr häufige Ovarialkarzinom – nur jede siebzigste Frau erkrankt daran – besonders gefährlich. Die Überlebensrate ist abhängig von der Ausbreitung der Erkrankung zum Zeitpunkt der Diagnose. Hat, selten genug, die Geschwulst nur einen Eierstock befallen und ist die Patientin relativ jung, dann kann die Entfernung eines Ovars ausreichen. In den meisten Fällen allerdings ist eine radikale Operation notwendig.

Die heute zunehmend verbreitete schonende Chirurgie, beispielsweise durch eine minimal invasive Bauchspiegelung, ist dann nicht unproblematisch, wenn eine bislang verschlossene zystische Geschwulst zur Gewebeentnahme punktiert wird. Stellt dann der Pathologe bei der feingeweblichen Untersuchung fest, daß ein Ovarialkarzinom vorliegt, kann es für eine heilende Therapie schon zu spät sein. Denn mit der Gewebsflüssigkeit treten mitunter Krebszellen in den Bauchraum aus, und das kann besonders für jüngere Patientinnen mit einer zunächst als harmlos vermuteten Ovarialzyste katastrophale Folgen haben. Das Ergebnis von Operation und sogenannter adjuvanter Chemotherapie ist, je nach Ausdehnung der Geschwulst, meist bedrückend. Kaum zwanzig Prozent der Erkrankten überleben mehr als fünf Jahre.

Unter diesen Bedingungen sind Spekulationen über die möglichen Ursachen von Eierstockkarzinomen nicht verwunderlich. Auch sonst eher nüchterne Lehrbücher der Medizin beteiligen sich daran. Halbwegs gesichert aus der Epidemiologie des Ovarialkarzinoms ist lediglich, daß Frauen, die nie geboren haben, doppelt so häufig an Eierstockkrebs erkranken wie Mütter. Aber auch andere mit dem Reproduktionsverhalten in Verbindung stehende Faktoren spielen bei der Entstehung des Eierstockkrebses vermutlich eine Rolle. Dazu gehören das Lebensalter bei der ersten Geburt ebenso wie der späte Beginn der Wechseljahre. Es scheint so, daß, ähnlich wie beim Brustkrebs, eine lange Einwirkungszeit von körpereigenen Östrogenen die Krankheit begünstigt.

Dies steht nicht im Widerspruch zu der Feststellung, daß die langjährige Einnahme der ovulationshemmenden „Pille“ auch vor Krebsgeschwülsten des Eierstocks schützt. Viele tausend befruchtungsfähige Eizellen sind beim neugeborenen Mädchen angelegt – ein Überfluß, denn zum Eisprung werden zwischen dem vierzehnten und fünfzigsten Lebensjahr alle vier Wochen, sofern keine Schwangerschaft besteht, nur wenige Eizellen benötigt, die eigentlich kleine Follikelzysten sind. Durch den Eisprung wird die Epithelschicht des Ovars (Zölomepithel) verlagert und kann dem stimulierenden Wachstumseinfluß der Sexualhormone unterliegen. Das ist beispielsweise eine der Ursachen für die häufigen gutartigen Ovarialzysten.

In den Wechseljahren begünstigt vermutlich der Anstieg bestimmter Hormone aus dem Zwischenhirnbereich die maligne Entartung des Zölomepithels. So ist es nicht verwunderlich, daß der Eierstockkrebs nach dem sechzigsten Lebensjahr deutlich häufiger auftritt. Über 85 Prozent der Ovarialkarzinome entwickeln sich aus Epithelzellen. Aus dem Differenzierungsgrad dieser Zellen, ob reif oder unreif, haben Pathologen eine histologische Stadieneinteilung entwickelt. Sie ist maßgebend für die Überlebenszeit der Erkrankten. Daneben spielt die Ausbreitung der Geschwulst eine wichtige Rolle. Leider ist das Stadium I, wenn die Geschwulst auf die Eierstöcke beschränkt ist, mit knapp fünfzehn Prozent selten. Das Stadium III, hier ist es zu Tochterabsiedlungen auf dem benachbarten Bauchfell und Darm gekommen, betrifft über siebzig Prozent aller Patientinnen.

Dieser traurige Befund gehört zur Alltagserfahrung vieler Spezialisten. Sie versuchen, mit Radikaloperation und aggressiver Chemotherapie das Schicksal zu wenden. Bei dem Versagen der frühen Diagnostik bleibt den Patientinnen auch kaum eine andere Chance. Die sogenannten biologischen Tumormarker (wie menschliche Choriongonadotropine, hCG, oder Alphafetoproteine) sind nur bei den seltenen Keimzellkarzinomen des Ovars als Krebstest brauchbar.

Auch die Einführung eines mit großen Erwartungen verbundenen monoklonalen Antikörpers (OC 125) als Krebssonde hat enttäuscht. Er spricht nämlich nicht nur bei bösartigen epithelialen Eierstockgeschwülsten an, sondern oft auch bei gutartigen Zysten. Der Test eignet sich aber quantitativ vorzüglich für die Verlaufskontrolle nach Operationen. Absinkende Werte nach dem Eingriff signalisieren die zumindest anfänglich erfolgreiche Tumorreduktion. Von einem Wiederanstieg wird oft der Einsatz aggressiver Chemotherapie abhängig gemacht. Dank des Tests bleibt vielen Patientinnen eine zwar gut gemeinte, aber schlecht verträgliche Übertherapie erspart.