Gerhard Schürer war noch vor drei Jahren Mitglied des Politbüros der SED. Wenn er heute auf seinen Balkon hinaustritt, hat er die Niederlage vor Augen: Tief unten, vor seinen Füßen, liegen letzte Trümmer des antifaschistischen Schutzwalls; rechts flanieren die Touristen durchs Brandenburger Tor. Hier, im achten Stock des postmodernen Plattenbaus „An der Kolonnade“, kann keiner vor der Vergangenheit davonlaufen. Zur selben Aussicht sind noch andere Politbürokraten verurteilt. Nur ein paar Türen weiter wohnen Kurt Hager, vormals Chefideologe der SED, Joachim Herrmann, früher als ZK-Sekretär für Agitprop der „Mann fürs Grobe“, und Günter Schabowski, einst Parteichef von Berlin, jener Mann, der am 9. November 1989 die Öffnung der Mauer verkündete. Nach ihrer Flucht aus Wandlitz vermittelte das Wohnungsamt des Ministerrates sie in die Plattensiedlung mitten unters Volk des Arbeiter- und Bauernstaates.

So könnten sie wieder zusammenkommen, sozusagen als verkleinertes Politbüro, zum Beispiel dienstags um zehn Uhr, wie früher eben. Im Schatten des Reichstages könnten sie, wie Schürer es formuliert, die „Vergangenheit ernsthaft aufarbeiten“, über Schuld und Verantwortung diskutieren und ergründen, „warum der Sozialismus seine Überlegenheit nicht beweisen konnte“.

Aber es ist wie damals in Wandlitz. Keiner will mit dem anderen etwas zu tun haben. Gerhard Schürer will nichts mehr von Günter Schabowski wissen, seit der in einem medialen Rundumschlag den grünen Rechtsabbiegerpfeil als das einzig Erhaltenswerte der DDR bezeichnet hat, „obwohl er bis zuletzt stramm für unsere Idee eingetreten ist“; Joachim Herrmann redet nicht mehr mit Gerhard Schürer, schließlich war es Schürer, der beim Honecker-Sturz mit seinem Vorschlag dafür sorgte, daß Herrmann gleich mit aus dem Politbüro flog; und Kurt Hager geht höchstens mal ein „Guten Tag“ über die Lippen, wenn er seinen einstigen Genossen über den Weg läuft. Ansonsten schweigt Hager. Manchmal ist er, jenseits des Brandenburger Tores, sinnierend auf einer Parkbank im Tiergarten anzutreffen.

Der Tod bringt sie manchmal noch zusammen, wie neulich bei der Beerdigung des früheren Politbüromitglieds Hermann Axen. Einige der alten Elite gaben ihm das letzte Geleit. Doch das Gruppenerlebnis führte Gerhard Schürer nur wieder vor Augen, wie die einst monolithische Staatsführung in der Niederlage zerbröselte und nun aufeinander eindrischt: „Es ist doch so: Der eine haut ab nach Moskau, der andere erzählt Mist im Fernsehen, und der dritte schreibt Mist“, sagt Schürer und erwähnt das Buch „Um jeden Preis“ von Ex-Wirtschaftschef Günter Mittag. „Der brauchte ja einen Ghostwriter, weil er schon alt und auch etwas senil ist. Aber die Stellen, wo ich vorkomme – genau 45mal fällt mein Name, ich habe nachgezählt –, also diese Stellen, die sind so boshaft, die hat er ganz bestimmt selber geschrieben.“ Gerade in der Niederlage hätte sich Schürer mehr Würde und Anstand gewünscht.

Außer auf Beerdigungen – „Horst Sindermann ist auch schon tot“ – treffen sich manche der alten Garde des Politbüros, soweit sie nicht verhindert sind – „Erich Mielke, Willi Stoph und Heinz Keßler sitzen ja im Gefängnis“ –, auf Geburtstagen. Zuletzt beim Fünfundsechzigsten des ehemaligen Gewerkschaftschefs Harry Tisch.

Opulent war es nicht. Gastgeber Harry Tisch, sagt Schürer, gehe es finanziell nicht so gut. Weil er sich einen Urlaub auf Gewerkschaftskosten geleistet hatte, saß er ein Jahr im Gefängnis, „dann bekam er keine Arbeitslosenunterstützung und muß jetzt rennen, damit er ein paar Mark Rente kriegt“. Früher ein Mann, der den großen Auftritt, die Jagd und den Luxus liebte, versteckt sich Tisch heute hinter einer Wohnungstür ohne Namensschild und schaut ängstlich vom Balkon herunter, wenn es bei ihm klingelt. Gerecht findet Gerhard Schürer das nicht: „Die wenigen, die ich noch kenne aus der früheren Führung, leben beschissen.“

Aus den unerreichbaren Höhen ihrer Ämter stürzte die politische Klasse der DDR in den real existierenden Alltag ab: Statt staatstragender Sitzungen im Palast der Republik nun Langeweile im Wohnzimmer, statt des Ladens mit Westware in Wandlitz nun Schlangestehen an der Supermarktkasse. Vorbei die seitenlangen Redetexte und Bilderorgien der Honecker, Krenz und Genossen im Neuen Deutschland. Keine Fahrer und Sekretäre mehr, dafür Frust auf dem Arbeitsamt, Kampf ums Übergangsgeld und Papierkrieg wegen der Rente. Und aus den Untertanen früherer Tage sind Nachbarn geworden, die sich mit Desinteresse und stummer Ablehnung rächen.