Gerhard Schürer war noch vor drei Jahren Mitglied des Politbüros der SED. Wenn er heute auf seinen Balkon hinaustritt, hat er die Niederlage vor Augen: Tief unten, vor seinen Füßen, liegen letzte Trümmer des antifaschistischen Schutzwalls; rechts flanieren die Touristen durchs Brandenburger Tor. Hier, im achten Stock des postmodernen Plattenbaus „An der Kolonnade“, kann keiner vor der Vergangenheit davonlaufen. Zur selben Aussicht sind noch andere Politbürokraten verurteilt. Nur ein paar Türen weiter wohnen Kurt Hager, vormals Chefideologe der SED, Joachim Herrmann, früher als ZK-Sekretär für Agitprop der „Mann fürs Grobe“, und Günter Schabowski, einst Parteichef von Berlin, jener Mann, der am 9. November 1989 die Öffnung der Mauer verkündete. Nach ihrer Flucht aus Wandlitz vermittelte das Wohnungsamt des Ministerrates sie in die Plattensiedlung mitten unters Volk des Arbeiter- und Bauernstaates.

So könnten sie wieder zusammenkommen, sozusagen als verkleinertes Politbüro, zum Beispiel dienstags um zehn Uhr, wie früher eben. Im Schatten des Reichstages könnten sie, wie Schürer es formuliert, die „Vergangenheit ernsthaft aufarbeiten“, über Schuld und Verantwortung diskutieren und ergründen, „warum der Sozialismus seine Überlegenheit nicht beweisen konnte“.

Aber es ist wie damals in Wandlitz. Keiner will mit dem anderen etwas zu tun haben. Gerhard Schürer will nichts mehr von Günter Schabowski wissen, seit der in einem medialen Rundumschlag den grünen Rechtsabbiegerpfeil als das einzig Erhaltenswerte der DDR bezeichnet hat, „obwohl er bis zuletzt stramm für unsere Idee eingetreten ist“; Joachim Herrmann redet nicht mehr mit Gerhard Schürer, schließlich war es Schürer, der beim Honecker-Sturz mit seinem Vorschlag dafür sorgte, daß Herrmann gleich mit aus dem Politbüro flog; und Kurt Hager geht höchstens mal ein „Guten Tag“ über die Lippen, wenn er seinen einstigen Genossen über den Weg läuft. Ansonsten schweigt Hager. Manchmal ist er, jenseits des Brandenburger Tores, sinnierend auf einer Parkbank im Tiergarten anzutreffen.

Der Tod bringt sie manchmal noch zusammen, wie neulich bei der Beerdigung des früheren Politbüromitglieds Hermann Axen. Einige der alten Elite gaben ihm das letzte Geleit. Doch das Gruppenerlebnis führte Gerhard Schürer nur wieder vor Augen, wie die einst monolithische Staatsführung in der Niederlage zerbröselte und nun aufeinander eindrischt: „Es ist doch so: Der eine haut ab nach Moskau, der andere erzählt Mist im Fernsehen, und der dritte schreibt Mist“, sagt Schürer und erwähnt das Buch „Um jeden Preis“ von Ex-Wirtschaftschef Günter Mittag. „Der brauchte ja einen Ghostwriter, weil er schon alt und auch etwas senil ist. Aber die Stellen, wo ich vorkomme – genau 45mal fällt mein Name, ich habe nachgezählt –, also diese Stellen, die sind so boshaft, die hat er ganz bestimmt selber geschrieben.“ Gerade in der Niederlage hätte sich Schürer mehr Würde und Anstand gewünscht.

Außer auf Beerdigungen – „Horst Sindermann ist auch schon tot“ – treffen sich manche der alten Garde des Politbüros, soweit sie nicht verhindert sind – „Erich Mielke, Willi Stoph und Heinz Keßler sitzen ja im Gefängnis“ –, auf Geburtstagen. Zuletzt beim Fünfundsechzigsten des ehemaligen Gewerkschaftschefs Harry Tisch.

Opulent war es nicht. Gastgeber Harry Tisch, sagt Schürer, gehe es finanziell nicht so gut. Weil er sich einen Urlaub auf Gewerkschaftskosten geleistet hatte, saß er ein Jahr im Gefängnis, „dann bekam er keine Arbeitslosenunterstützung und muß jetzt rennen, damit er ein paar Mark Rente kriegt“. Früher ein Mann, der den großen Auftritt, die Jagd und den Luxus liebte, versteckt sich Tisch heute hinter einer Wohnungstür ohne Namensschild und schaut ängstlich vom Balkon herunter, wenn es bei ihm klingelt. Gerecht findet Gerhard Schürer das nicht: „Die wenigen, die ich noch kenne aus der früheren Führung, leben beschissen.“

Aus den unerreichbaren Höhen ihrer Ämter stürzte die politische Klasse der DDR in den real existierenden Alltag ab: Statt staatstragender Sitzungen im Palast der Republik nun Langeweile im Wohnzimmer, statt des Ladens mit Westware in Wandlitz nun Schlangestehen an der Supermarktkasse. Vorbei die seitenlangen Redetexte und Bilderorgien der Honecker, Krenz und Genossen im Neuen Deutschland. Keine Fahrer und Sekretäre mehr, dafür Frust auf dem Arbeitsamt, Kampf ums Übergangsgeld und Papierkrieg wegen der Rente. Und aus den Untertanen früherer Tage sind Nachbarn geworden, die sich mit Desinteresse und stummer Ablehnung rächen.

Gerhard Schürer bekommt vom einstigen Klassenfeind immerhin 2010 Mark Rente, den Höchstsatz für „staatsnahe Personen“ der früheren DDR. Mit seiner Frau, die als Sekretärin dazuverdient, und zwei seiner sieben Kinder lebt er in einer Maisonette-Wohnung. An den Wänden hängen selbstgemalte Bilder mit Erzgebirgsmotiven – ein Hobby Schürers seit seiner achtzehntägigen Haft Anfang 1990. In der Vitrine stehen die Gläser in Reih und Glied. Der Hausherr trägt Trainingshosen und räumt noch schnell das Bügelbrett weg. Er sei jetzt richtiger Hausmann, sagt Schürer selbstbewußt, „mit Putzen, Gardinenwaschen und Preisevergleichen beim Einkaufen“. Außerdem kümmert sich der 71jährige viel um seine vierjährige Tochter. Die sitzt auf der Couch und guckt im Fernsehen einen lärmenden Zeichentrickfilm.

Als Vorsitzender der Staatlichen Plankommission mußte Gerhard Schürer mit Zahlen ganz anderer Größenordnungen umgehen als heute im Supermarkt um die Ecke. Er war der „Herr der Bilanzen“, verantwortlich für die Erstellung der Monats-, Jahres- und Fünfjahrespläne. Und wenn der „ideologische Auftrag“ nicht anders zu erfüllen war, bilanzierte Schürer Melkmaschinen als Roboter – was noch zu den harmlosesten Manipulationen zur Ehre des Sozialismus zählte. Sein Verhalten sühnt Schürer nun mit Trauerarbeit: „Die sozialistische Gesellschaft ist vielleicht zu Recht untergegangen“, sagt er, „daß ich sie trotzdem geliebt habe, ist mein ganz persönliches Schicksal.“

Ansonsten bewahrt Schürer seine Vergangenheit in ein paar Aktenordnern im Wohnzimmerschrank auf: zum Beispiel seinen Plan für eine Wirtschaftsreform, dreizehn Seiten lang, 1988 abgeschmettert von Honecker und Mittag. Und dann ist da noch, jüngste Vergangenheit, seine Korrespondenz mit „Historikern in aller Welt, die an einer seriösen Aufarbeitung der DDR-Geschichte interessiert sind“. Gerne erzählt der ehemalige Plankommissar, wie er beinahe zum Brandstifter geworden wäre und dann doch Biedermann blieb. Es war im Februar 1989, als in ihm der Plan herangereift war, Honecker zu stürzen. So ein „Hochverrat“ mußte natürlich hinter den Kulissen vorbereitet werden; eine Kampfabstimmung im Politbüro, das war zu riskant. Als Nachfolger Honeckers hatte Schürer Egon Krenz auserkoren und ihn deshalb in sein Ferienhaus an der Ostsee eingeladen, wo er ihn in seine Pläne einweihte.

„Ich mußte davon ausgehen“, schildert Schürer mit funkelnden Augen, „daß das Wohnzimmer verwanzt war, was mich eigentlich nicht störte. Das entsprach der revolutionären Wachsamkeit. Ich ging also mit Egon in den Keller.“

In den Keller? Wenn schon das Wohnzimmer verwanzt war?

„Es war Februar“, sagt Schürer, „im Garten war es einfach zu kalt.“ Nach drei Stunden intensiver Beratung kamen die beiden Verschwörer dann zu dem Ergebnis, daß es besser sei, eine „biologische Lösung des Problems Honecker“ abzuwarten.

Der Kulturminister

Stolz erzählt Hans-Joachim Hoffmann, früher Kulturminister, wie er in der Nacht der Nächte, am 9. November 1989, der BBC ein Interview gab „und die Herren Journalisten darüber staunten, wie gefaßt ich in dieser historischen Stunde war“.

Nun, verdammt zur Bedeutungslosigkeit, zeugt jeder dritte Satz von Kränkung und Selbstbedauern. „Soll ich ein Klagelied singen? Nein, das mache ich nicht, so sehr tut es auch wieder nicht weh“, ruft er in die Stille seines Wohnzimmers, und für Sekunden verschwindet die aufgesetzte Gelassenheit aus seiner Stimme. Mit wegwerfender Geste fügt er hinzu: „Wenn niemand mehr etwas von mir wissen will, na bitte, ich verkomme daran nicht.“

In grauer Hose und lila Baumwollhemd sitzt der 62jährige auf seiner Ledercouch unter einem Druck von van Goghs „Sonnenblumen“ und erzählt, wie aufregend sein Leben als DDR-Politiker war: Festakte in der Semper-Oper, Gespräche mit Künstlern, Vorlesungen, Reisen ins westliche Ausland. Kulturminister der DDR – das war schon was.

Hoffmann liebte den Wirbel. 1988 etwa gab er der Zeitschrift theater heute ein ungewöhnlich offenes Interview, worauf ihn Honecker und Hager zusammenstauchten. „Da hab’ ich meinen Affen Zucker gegeben“, sagt er triumphierend.

Oder 1989, als er ausgebürgerte Schriftsteller großzügig einlud zurückzukommen. Der Zusatz, daß selbstverständlich auch weiterhin nicht alles gedruckt werden dürfe, weil ja die Herausgabe von Büchern immer noch eine politische Handlung sei, das sei nur der Speichel für Honecker & Co. gewesen, um die Einladung zu schlucken.

Vier Milliarden Mark umfaßte Hoffmanns Jahresetat, der gelernte Elektromonteur trug Verantwortung für das Theater- und Buchwesen, für künstlerische Hoch- und Fachschulen, Museen und Tiergärten. „Und für den Zirkus“, komplettiert seine Frau. „Ja, auch für den Zirkus“, wiederholt er mißmutig, „das gehörte alles zum Hofstaat, bitte schön!“

Hans-Joachim Hoffmann verletzt nicht so sehr, daß sich seine Invaliden- und Zusatzrente auf magere 2100 Mark addieren. Immerhin hat man ihm sein Haus mit Terrasse über der Spree in Berlin-Köpenick nicht genommen. Aber der Fall vom Weltbürger zum Rentner ohne „Hofstaat“, der schmerzt.

Gefragt zu werden tut wohl. Sofort ist der alte Habitus wieder da. Da plagen den Ex-Kulturminister der DDR plötzlich die Sorgen des Innen-, Außen- und Wirtschaftsministers der BRD. „Wie ist das mit dem Ecu, setzen wir da unsere Währung aufs Spiel? Und müssen wir denn alle Flüchtlinge und Asylanten einladen, ohne zu wissen, wo sie wohnen und wie wir sie verpflegen können? Manchmal frag’ ich mich schon, wie kommen in Bonn bloß solche Entscheidungen zustande, zum Donnerwetter?“ Hans-Joachim Hoffmanns neuer Alltag beginnt wie der alte: „diszipliniertes Aufstehen“ zwischen 6.30 und 7 Uhr, achtzig Kniebeugen, dann das Frühstück, bestehend aus einem halben Apfel, einer halben Apfelsine und einer halben Banane (die gab’s für ihn schon vor der Maueröffnung), meist begleitet von den Morgennachrichten. Danach müßte eigentlich der Fahrer kommen, um ihn ins Ministerium zu bringen. Aber der kommt ja nun nicht mehr.

So setzt sich Hoffmann meist an seinen Computer, den ihm vor Jahren Johannes Rau schenkte, den Hoffmann einen „Freund“ nennt. Der 62jährige verbringt dann viele Stunden spielend am Gerät. Schon zu DDR-Zeiten sei er „auf der Suche nach der kulturellen Dimension des Computers“ gewesen und habe in seinem Ministerium eine ganze EDV-Abteilung einrichten lassen. Freilich mit niederschmetternder Resonanz: Margot Honecker, die Volksbildungsministerin, fürchtete, Computer würden die Jugend verderben, und Wirtschaftschef Günter Mittag „guckte auf den Bildschirm wie das Schwein in die Uhr“. Schon damals, während mancher ZK-Sitzung, vertiefte Hoffmann sich in Computerfachzeitschriften; heute hat er drei Abos.

Vor ein paar Monaten, „ich kam gerade von der Kaufhalle“, entdeckte er ein Weiterbildungsinstitut, das arbeitslosen Bürogehilfinnen den Umgang mit dem Computer beibringen will. „Ich ging rein und fragte: ‚Brauchen sie einen Computerlehrer?‘“ Er habe gleich gesagt, wer er sei, aber die Damen habe das nicht gestört. „Das ist ja auch völlig unpolitisch, was ich da mache.“

Hans-Joachim Hoffmann nimmt seine neue Aufgabe sehr ernst. „Wer eine Stunde unterrichtet“, sagt er, „muß sich mindestens zwei Stunden vorbereiten.“ „Seinen Studentinnen“ zeigt der Ex-Kulturminister, wie man Lebensläufe und Bewerbungen schreibt, oder er weist sie in ein Programm zum Wareneinkauf ein. Leider könne er nur vier bis fünf Stunden pro Woche unterrichten, weil er als Rentrier höchstens 400 Mark pro Monat hinzuverdienen dürfe. Bei aller Freude darüber, wieder ein paar Zuhörer zu haben, fühlt sich Hans-Joachim Hoffmann doch manchmal unterfordert: „Im Grunde könnte ich gehobene Manager ausbilden, einschließlich Menschenführung. Manchmal habe ich schon den Eindruck, man wirft Perlen vor die Säue, aber dieser Gedanke verbietet sich natürlich. Ein ehemaliger Minister ist eben ein lebendiges Beispiel einer untergegangenen Gesellschaft.“

Der Elektrominister

Darunter leidet auch Felix Meier, früher Minister für Elektrotechnik und Elektronik. Er sagt: „Mit 55 ist man doch nicht alt. Nicht gebraucht zu werden, das ist das Allerschlimmste.“

Dabei hatte Felix Meier, früher kurz „Elektro-Felix“ genannt, die Wende zunächst ganz gut überstanden. Nach der Vertreibung aus dem Ministeramt kam er bei Elektro Consult unter, einer Berliner Firma, die der Treuhand gehört. Aber Ende letzten Jahres erhielt er die Kündigung, wegen „der angespannten wirtschaftlichen Lage des Unternehmens“. „Nee, nee“, winkt Meier ab, „richtig müßte es heißen: Man kann einen ehemaligen Minister nicht beschäftigen, wenn Tausend: arbeitslos sind.“ Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Also, am Fachlichen hat’s jedenfalls nicht gelegen. Ich bin ordentlicher Diplom-Ingenieur.“

Frau Meier serviert den Kaffee auf der Terrasse ihres Hauses in Berlin-Zeuthen. Der Garten zeugt von Lust auf Ordnung. Die Vögel zwitschern. Nur gelegentlich geht ihr Gesang im Lärm der Flugzeuge unter, die den Flughafen Schönefeld ansteuern. Felix Meier brüllt dagegen an: „Wenn ich jetzt wieder einen Job bekäme, würde ich mich wohler fühlen.“ Seine Frau nickt stumm. Das Flugzeug ist nicht mehr zu hören. Felix Meier, wieder ganz ruhig und nüchtern: „Ich warte jetzt, bis ich alt werde.“

Alle zwei Wochen schaut er bei Elektro Consult vorbei und erkundigt sich, wie es so geht und ob mittlerweile ein Käufer gefunden wurde. Und dann immer wieder der Gang zum Arbeitsamt wegen des Altersübergangsgeldes. Felix Meier schüttelt den Kopf: „Da kann man vielleicht Charaktere kennenlernen, vom Alkoholiker bis zum Choleriker, jung und alt, gesund und krank. Wenn man da nicht fit ist, bekommt man Depressionen.“ Meier ist fit. Seit zwanzig Jahren macht er jeden Morgen seinen Waldlauf, als Minister um 5 Uhr, heute erst um 7 Uhr. „Sonst schaltet man ja oben ab.“

Felix Meier wäre schon zufrieden, drückte ihn jemand einen Schraubenzieher in die Hand und beauftragte ihn, Steckdosen zu reparieren. Dem bevor man ihn 1982 „innerhalb von zwei Minuten“ zum Minister machte, war er zwölf Jahre lang Werksleiter im Funkwerk Köpenick. Das waren Zeiten – im Konstruktionsbüro den Berliner Funkturm planen, im Werk mit anpacken. Aber jetzt, jetzt werde alles kaputtgemacht, zum Beispiel von Lothar Späth bei Zeiss in Jena, wo „die Arbeiter doch goldene Hände haben – da kann man ja irrsinnig werden“.

Minister zu sein, zu den Großen zu zählen, aber letztlich doch vor den ganz Großen kuschen zu müssen, das hat Felix Meier „eigentlich keinen Spaß gemacht“. Er erzählt vom Tag nach seinem 49. Geburtstag, als er in der Wirtschaftskommission empfangen wurde: „Irgendeiner hatte Mittag zugeflüstert, daß ich Geburtstag hatte. Da kommt Mittag auf mich zu, alle hören mit, und er fragt: ‚Wie alt bist du denn?‘ Sag’ ich: ‚49.‘ Sagt er nur: ‚Da hast du ja noch viel Zeit zu lernen, wie man richtig arbeitet.‘ Schlimm war das, schlimm – soll man sich da freuen?“

Zum Abschied drückt Felix Meier den Gästen den Entwurf der umstrittenen brandenburgischen Verfassung in die Hand, in dem das „Recht auf Arbeit“ verankert ist. „Das find’ ich gut“, sagt er.

Der Generalsekretär

Bundespräsident Richard von Weizsäcker dürfte demnächst Post von Egon Krenz erhalten. Der letzte Generalsekretär der SED will sich bei seinem Staatsoberhaupt über das Gebaren des Rechtsstaats beschweren. Kürzlich waren fünf Hundertschaften Polizei und dreißig Staatsanwälte ausgeschwärmt, um neunzehn Wohnungen ehemaliger DDR-Regierungsmitglieder zu durchsuchen. Fast drei Jahre nach der Wende glaubten die Fahnder, noch belastendes Material wegen der Todesschüsse an der Mauer zu finden. „Diese Razzia“, ereifert sich Krenz, „war einen Tag vor der Beerdigung von Hermann Axen. Stellen Sie sich vor, wie sich Axens Witwe fühlte, als plötzlich diese Beamten vor ihrer Tür standen. So etwas Pietätloses.“

Bei Egon Krenz nahmen die Ermittler einen Brief mit, den er Anfang 1992 an Gorbatschow geschrieben hatte. Egon Krenz wollte schon nicht einleuchten, was dieser Brief mit den Schüssen an der Mauer zu tun haben könnte. Als dann zwei Tage später eine Berliner Zeitung daraus zitierte, platzte ihm der Kragen: „Was ist das für ein Rechtsstaat, wenn die Staatsanwaltschaft persönliche Briefe an die Presse weitergibt?“

„Ich spreche nicht aus Verbitterung, nicht aus Enttäuschung, nicht mit einem Gefühl der Kränkung durch Weggenossen oder Umstände.“ Das hat Egon Krenz 1990 in seinem Buch „Wenn Mauern fallen“ geschrieben. Wer ihn heute besucht, kann einen verbitterten, enttäuschten und gekränkten Egon Krenz erleben. Er wohnt in einem Bungalow in Berlin-Niederschönhausen, einer von viel Grün umgebenen Einfamilienhaus-Siedlung. „Städtchen“ nannte man sie früher, weil hier, abgeschirmt vom Volk, die Großen der SED lebten, bevor sie nach Wandlitz wechselten. Krenz führt die Besucher gleich auf die große Terrasse, als wolle er alles Private verbergen.

Das war nicht immer so. Einem Bild-Reporter gewährte er nach seinem Sturz drei Wochen lang Einblick in fast jeden Winkel seines Hauses und seines Privatlebens. Anschließend wurde er in der Serie „Der andere Egon“ durch den Kakao gezogen. Er habe es nicht wegen des Geldes getan, beteuert Krenz, sondern weil ihm die Möglichkeit gegeben worden sei, seine Sicht der Dinge darzulegen. „Jetzt rede ich, ich sage alles“, hieß die Serie. Mittlerweile sei ihm die Lust zum Reden vergangen, mit Journalisten sowieso. Viele Stunden verbringt Krenz jetzt damit, sich von der Seele zu schreiben, was ihn bewegt.

Krenz hat zugenommen, fährt sich immer wieder nervös mit der Hand durchs Gesicht. Das ewige Lächeln, für das er so verhöhnt wurde, ist verschwunden.

Nur für kurze Zeit sah Egon Krenz Land. Er bekam einen Job bei dem Berliner Unternehmer Gerd Breuer, der bekannt wurde, als er dem Ex-Boxer Gustav „Bubi“ Scholz half, nachdem der seine Frau erschossen hatte. Breuer wollte Krenz zum Marktberater im sozialen Wohnungsbau ausbilden und zahlte ihm 6000 Mark brutto im Monat. Noch im vergangenen November joggten der Multimillionär und der Ex-Generalsekretär gemeinsam auf Gran Canaria. Aber seit dem Selbstmord Breuers Anfang 1992 ist Krenz wieder arbeitslos. Eine Rückkehr in seinen erlernten Beruf als Lehrer wird ihm wohl verschlossen bleiben. Und sein Buch – Auflage 25 000 – soll ein Ladenhüter sein. „Wir werden sozial fertiggemacht“, sagt er und erkundigt sich nach den Gehältern von Chefredakteuren und Ministern, wobei seine Schätzungen weit über der Realität liegen.

Nach der Wende belagerten Schaulustige sein Haus, ein Pflasterstein flog durchs Fenster. Heute will niemand mehr etwas von ihm wissen, das Haus wirkt wie ausgestorben. „Damals hätte ich noch in die Sowjetunion gehen können, aber das ist jetzt zu spät. Auch wenn das manche gerne hätten, ich werde meine Heimat nicht verlassen, wo sollte ich auch hingehen?“

Die Staatsrätin

Die Leninstraße im Zwickauer Vorort Neuplanitz heißt immer noch Leninstraße. Warum nicht Hugo-von-Hofmannsthal-Straße? Oder einfach Holunderweg? Eveline Klett lacht. Holunderweg fände sie hübsch, das passe sogar irgendwie. Ihr Mann sei Geschäftsführer des Zwickauer Stadtverbands der Garten- und Siedlerfreunde – einer der krisensichersten Jobs in der Stadt, die Gartenfreunde haben mehr als 15 000 Mitglieder.

„Na ja“, sagt Eveline Klett, die Bewohner der Plattensiedlung hätten andere Sorgen, als die sozialistische Vergangenheit mit neuen Straßenschildern zu tilgen. Wenn sie morgens zur Arbeit in die Maschinenfabrik Zwickau geht, lehnen sich die arbeitslosen Männer mit Kissen in die Fenster und bleiben dort bis zum Mittagessen.

Eveline Klett war in der Politiker-Kaste der DDR eine der Alibi-Frauen. Gegen die Bezeichnung wehrt sich die 42jährige ein wenig, aber „objektiv“ sei es wohl so gewesen. Genaugenommen mußte sie sogar als Dreifach-Alibi herhalten: als Frau unter Männern, als Junge unter Greisen und als Werktätige unter verbonzten Berufspolitikern. So saß sie für den DFD, den Demokratischen Frauenbund Deutschlands, in der Volkskammer und ab 1986 sogar im Staatsrat. Es sei schon etwas komisch gewesen am Anfang, sagt sie, den Herren Honecker und Mittag, Stoph und Krenz im 32köpfigen Staatsrat gegenüberzusitzen. Aber dann habe sie ihre Scheu abgelegt, ihrem Auftrag gemäß geredet, argumentiert und gefordert. „Die Mode muß einfach schneller auf den Markt kommen“, habe sie zum Beispiel immer wieder gesagt, da habe sie „kein Blatt vor den Mund genommen.“

Mindestens einmal im Monat stand sie morgens um 4 Uhr auf, um nach Berlin zu den Sitzungen zu fahren. Um 24 Uhr War sie dann wieder zu Hause in Zwickau. Am nächsten Morgen stand sie um 5.45 Uhr an der Drehbank in der Maschinenfabrik. „Jetzt kann ich es ja ruhig sagen“, sagt Eveline Klett, „500 Ostmark an Diäten habe ich bekommen, als Staatsrätin dann 1000 Ostmark und einen blauen Lada mit Fahrer.“ Der brachte sie in einen inneren Konflikt. In Berlin mußte Eveline Klett aus Repräsentationsgründen mit dem Wagen vorfahren, zu Hause aber, in Zwickau, war sie nicht mehr die Kollegin Klett an der Drehbank, sondern Genossin Staatsrat mit Auto und Chauffeur. Mit einer Fahrgemeinschaft für Volkskammerabgeordnete konnte sie ihre Gewissensnöte dann etwas lindern.

Eveline Klett sitzt auf ihrem Sofa und heult, und man weiß nicht gleich, warum. Dann erzählt sie, daß in der Zwickauer Maschinenfabrik, wo sie seit 1966 arbeitet, die Angst umgeht: Von den ehemals 1500 Mitarbeitern behielten 360 ihren Arbeitsplatz. Und selbst von denen sind viele auf Kurzarbeit, auch die ehemalige Staatsrätin.

Früher war sie als Dreheri’n mit Meisterbrief Chefin von 25 Werktätigen und war sich nicht zu schade, mit dem Sackkarren und dem Hubwagen durch die Fabrik zu laufen. Heute ist sie zur Sachbearbeiterin im Wareneingang, Lohngruppe 5, degradiert und muß darüber noch froh sein. „Als Frau und ehemalige Staatsrätin empfiehlt es sich jetzt, den Mund zu halten.“

Mit einem Taschentuch tupft sie sich die Tränen aus dem Gesicht, ihr Mann tröstet sie. Nein, sagt die kleine, stämmige Frau, den Blick ihres Mannes suchend, einer Partei werde sie nicht mehr beitreten. Nur langsam findet sie wieder zu ihrem kämpferischen Ton zurück, redet von „ihrer“ Zwickauer Maschinenfabrik und davon, daß dieser Betrieb nicht auch noch von der Politik kaputtgemacht werden dürfe. „Wir sind sanierungsfähig, ganz bestimmt“, sagt sie, „unsere Kompressoren sind auch nicht schlechter als die der Konkurrenz.“

Der Bezirkssekretär

Werner Eberlein, der aufgeräumte Mann aus dem Politbüro, der zukunftsfrohe Parteichef von Magdeburg, ist 72 und kein bißchen müde. Keine Depressionen, kein Selbstmitleid, auch keine Schuldzuweisungen an alte Genossen. Nur Optimismus. „Ich bekenne mich zur Vergangenheit und bin mir meiner Mitschuld bewußt. Ich habe mein Lebensziel nicht erreicht, aber die Idee, die ist deshalb noch lange nicht tot.“

Ein Drehbuchautor würde auf der Suche nach Stoff für eine tragische Figur Werner Eberleins Biographie plündern. Sein Leben besteht aus einer Reihe großer Hoffnungen und Visionen, denen ausnahmslos bittere Enttäuschung folgte.

Anlässe, dem Kommunismus abzuschwören, das böse Geschäft der Politik zu verachten, hat es zuhauf gegeben: zum Beispiel an seinem 70. Geburtstag, den Werner Eberlein im Kreise der Genossen im Berliner Gästehaus der Partei feiern wollte. Doch dann – es ist der 9. November 1989 – fällt die Mauer, und statt der Glückwünsche zum Geburtstag gibt’s Grabesreden. Werner Eberlein steht mitten in einem Scherbenhaufen.

„Ja, da ging’s mir dreckig“, sagt er und lacht, als erzähle er von einem ins Wasser gefallenen Picknick. Nach der Wende fesseln ihn Lähmungen ein Jahr lang ans Bett. Mit eisernem Willen kämpft er die Krankheit nieder. Bis auf seine rechte Hand hat der große, hagere Mann seinen Körper wieder unter Kontrolle. Rhetorisch geschickt wie ehedem entwirft der gescheiterte Politbürokrat jetzt im Wohnzimmersessel seine Zukunftsvision, in der die Werte des Sozialismus und die Vorteile des Kapitalismus in einer Synthese zur neuen Weltordnung verschmelzen.

Solche Töne sind neu für einen Eberlein, der aus dem „kommunistischen Uradel Deutschlands“ stammt. Werner Eberleins Vater: ein Vertrauter Lenins, Mitbegründer der KPD und an der Spitze der Kommunistischen Internationale. Mutter, Onkel, Tanten: alle besitzen das Parteibuch, und Sohn Werner kommt mit neun Jahren in die KPD-Kinderorganisation.

Vor den Nazis flieht die Familie in die Sowjetunion. Das Land ihrer Hoffnung wandelt sich zum Land ihrer Alpträume. Der Vater und zwei Onkel werden in Stalins Lagern ermordet, Werner Eberlein landet für acht Jahre in sibirischer Verbannung. Doch er verzichtet auf ewigen Haß: „Ich konnte mich vom System distanzieren, aber nicht von der Idee. Ich muß doch davon ausgehen, daß der Mensch gut ist, sonst macht das Leben doch keinen Sinn.“

1948, zurück aus der Verbannung, hat er erst einmal Heimweh nach Sibirien: „Ich habe dort gelebt, geliebt und gekämpft.“ Er macht sich an den Aufbau des Sozialismus im zweiten deutschen Staat, wird Journalist beim Neuen Deutschland und als „Stimme Chruschtschows“ bekannt wie „ein bunter Hund“. Fließend russisch kann er ja.

Im Juni 1983 läßt ihn Honecker in sein Büro rufen. „Er sagt: ‚Du gehst jetzt als Bezirkssekretär nach Magdeburg, ist gut für deine Perspektive.‘ Da sage ich: ‚Ich bin 63, meine Perspektive ist Rentner, was soll der Quatsch?‘“ Werner Eberlein geht nach Magdeburg und wird 1985 sogar Mitglied des Politbüros. „Als ‚Soldat der Revolution‘“, sagt er, „konnte ich mich der Parteidisziplin nicht widersetzen. Für mich galt: Wenn das Politbüro das so beschlossen hat, dann gehst du.“

Inzwischen lebt Werner Eberlein mit seiner Frau in Ostberlin in einem alten Wohnblock. Gegenüber hat der Bundestagsabgeordnete Hans Modrow, auch einst Bezirkssekretär, eine Wohnung. Demnächst will Eberlein umziehen, die Miete sei zu hoch. In fünf Jahren habe sich der Umzug amortisiert, und so lange, das habe er sich fest vorgenommen, wolle er mindestens noch leben.

Das Telephon klingelt, in der Eile läßt Werner Eberlein den Krückstock liegen und humpelt zum Apparat. Letzte Absprachen für eine Pressekonferenz der PDS. Er ist einfaches, aber aktives Mitglied der SED-Nachfolgeorganisation. Außerdem schreibt er mit seiner gesunden Linken am Computer seine Memoiren. Er weiß noch nicht, ob sich ein Verleger dafür findet. Auf jeden Fall wolle er sich nicht in die Reihe der „Rechtfertigungsschreiber“ einreihen, „sondern die Ursachen des Niedergangs auflisten und sauber analysieren, um bei einer zukünftigen Gestaltung des Sozialismus all das zu vermeiden, was falsch war“. – „Wenn mir das gelingt, hätte ich ein Körnchen beigetragen zur Neuformulierung des Sozialismus.“

Der Arbeitstitel des Buches: „Werner Eberlein – Geboren am 9. November.“ •