Von Christoph Dieckmann

Ach, was muß man oft von bösen Buben hören oder lesen ... "Gysi und Diestel gründen Ost-Partei!" Wer’s glaubt. Beide, der PDS-Chef und der CDU-Anarchist, bestätigten gar nichts, nannten sich gegenseitig den Urheber der donnernden Nachricht und genossen das Echo von Herzen. "Da muß doch was ins Schwarze getroffen haben", freute sich Gysi und sprach von "traumhafter Wirkung" auf die Bonner Politiker. "Die waren alle aus dem Häuschen!"

Die Tür geht nicht mehr zu. Der kleine Kulturklub "Zunge" im Prenzlauer Berg von Ostberlin platzt aus allen Nähten. "Schuldig oder hätte die DDR nicht sein müssen?" lautet etwas kryptisch das Thema der Podiumsdiskussion. Rudolf Bahro fordert die "geistige Anerkennung der DDR". Peter Bender verlangt nach Gleichgewicht zwischen Ost und West. Freya Klier schlägt die Trommel der Stasi-Aufklärung und fordert Stolpe zum Rücktritt auf – abermals und wieder vergeblich, Doch eigentlich sind alle seinetwegen da: Peter-Michael Diestel weiß, was das Volk erwartet.

Noch sei er in der CDU, sagt er und plaudert brühwarm weiter. Zwar erfährt man nichts zur Ostpartei, doch immerhin, daß im vertrauten Parteikreis Kohl "der Dicke" heiße. Das wirkt. Andacht und Gelächter begleiten Diestel, als er abermals anhebt zu seinem Memento an die DDR, wo er "gelebt, geliebt und gelacht" habe – gelitten weniger, wo er kein Held gewesen, doch auch kein Luder. "Hochmoralisch" sei es, unter Diktaturen schlicht zu überleben, auch in der Nisehe. Und alles war ja nicht schlecht! Wahrlich, wie der Belcanto so singt, durchzieht das Abendlicht ein weher Hauch von Rotwein-Gesprächen auf Hiddensee, von Zörbiger Zuckerrübensirup zu 57 Pfenning (30 Pfennig retour fürs leere Glas), von Oberliga-Schlachten Jena gegen Aue. Vorbei! Verweht! Nie wieder!

Damals, sagt Diestel, damals sei man sich näher gewesen. Er habe die deutsche Einheit gewollt, aber nicht so, in westlich verordneter Form, mit opportunistisch verdrängter Erinnerung. Der Abend endet gegen Mitternacht. Das Volk strömt heim, nach ausführlicher Debatte und in der Ansicht, Diestel habe zwar wieder etlichen Unsinn erzählt, aber sehr interessanten.

Gregor Gysi weiß, was er an Diestel hat. Seine isolierte Partei hofft auf jeden Wink von draußen, Die PDS befindet sich in einer paradoxen Situation. Einerseits bekommt sie – zu Recht – die DDR-Verbrechen angelastet. Anderseits wird ihr die Befugnis abgesprochen, über die Vergangenheit mitzureden. Drittens absolviert der neue Staat vieles und viele aus dem alten, aber keinesfalls die 180 000 Mitglieder jener Partei, deren 2,1 Millionen Nestflüchter es sich leichter gemacht haben.

Gysi bestreitet, daß die PDS die "Vergangenheitsbewältigung" abgebrochen habe. Ihm entgeht aber nicht, wie sich die Gegenwart darüberschiebt. Ausgrenzung macht selbstgerechten Trotz. Das gehe ja vielen Neu-Bundesbürgern so: Klarheit über die alte Zeit werde oft nicht als Selbstbefreiung empfunden. "Man weiß sich ohnehin als Deutschen zweiter Klasse und fühlt sich obendrein aufgefordert, freiwillig in die dritte Klasse zu wechseln."