Von Rudolf Walter Leonhardt

In einer am 21. Juni 1991 in Berlin gehaltenen Parteitagsrede zieht der am 10. Dezember 1989 zum Parteivorsitzenden der SED/PDS gewählte Rechtsanwalt Gregor Gysi Bilanz dreier gescheiterter Versuche: "Im Dezember 1989 wollten wir für demokratischen Sozialismus in der DDR kämpfen. Damit sind wir gescheitert. Danach stritten wir mit all unseren Kräften für einen neuen, historische Chancen eröffnenden Vereinigungsprozeß und gegen einen kolonialistischen Anschluß der DDR nach Artikel 23 des Grundgesetzes. Wir konnten letzteres nicht verhindern. Und auch unser Wunsch, schnell eine gesamtdeutsche sozialistische Partei zu installieren, hat sich noch nicht erfüllt. Das muß frustrieren, zu Enttäuschung und Verbitterung führen ..."

Diesen Satz finden wir abgedruckt in einem Taschenbuch des Alexander Verlags, Berlin. Es waren nur zwei Druckfehler zu korrigieren. Das kann kaum anders sein bei einer Dokumentation von 387 Seiten, deren letzter Beitrag vom 27. Januar 1992 stammt und die schon knapp ein viertel Jahr später ausgeliefert worden ist. Aber nicht die Druckfehler sind das Schlimme. Bei einem ebenso diffizilen wie doch sehr viel zur Geschichte unseres Landes in unserer Zeit beitragenden Werk hätte der Interessierte sich sauberere Quellennachweise, genauere Hinweise auf wo und wie Gekürztes, die notwendigsten Erklärungen und wohl gar ein Register gewünscht.

Die Herausgeber Hanno Harnisch und Hannelore Heider wollten doch offensichtlich, daß einem Mann Gerechtigkeit widerfährt, der selber ein Leben, sagen wir, 25 Jahre lang – denn er ist ja erst 44 Jahre alt – für Gerechtigkeit gekämpft hat. Auch seine Widersacher, von denen es aus verständlichen Gründen viele gibt, können ihm nicht absprechen, daß er Dissidenten wie Rudolf Bahro und Oppositionsgruppen wie das Neue Forum verteidigt hat unter Umständen, die ihm einiges abverlangten – nicht zuletzt: Zivilcourage, wie er sie ja auch beweist, seitdem wir ihn als Integrationsfigur der PDS, also seit dem 4. November 1989, beobachten können.

Aber natürlich hatte er gute Kontakte zur Stasi, sagen sie. Aber natürlich war er privilegiert, heißt es. Nach bisher vorliegenden Informationen, zu denen auch dieses Buch einiges beiträgt, ist der erste Vorwurf nicht zu halten, der zweite nur in Grenzen haltbar, die Gregor Gysi nicht zu verantworten hat.

Als Sohn Gregor achtzehn Jahre alt war, wurde sein Vater Klaus Gysi, den ich als einen gebildeten und angenehmen Mann kennengelernt habe, Kulturminister der DDR. Dort war das Verhältnis der Söhne zu prominenten Vätern nicht weniger kompliziert als anderswo auch. Aber vermutlich hat es doch geholfen, Sohn des Kulturministers zu sein, um von der Erweiterten Oberschule, wie das in der DDR ja hieß, ohne Verzögerung an die Berliner Humboldt-Universität zu gehen und dort schon mit 22 Jahren sein Juraexamen ablegen zu können.

Bis die hochinteressante Biographie der jüdischen Familie Gysi einmal geschrieben ist (hoffentlich etwas genauer als die uns hier vorliegende Dokumentation), muß man sie stückchenweise zusammentragen. Ein hübsches kleines Stück finden wir in der Vorstellung des Genossen Gysi als Kandidaten für den Parteivorsitz, am 9. Dezember 1989: ".. .Dr. Gregor Gysi ... erlernte den Beruf eines Rinderzüchters..." So hatte das eben zu sein im "Arbeiterstaat". In Wirklichkeit hatte der Oberschüler, wie das in der DDR ganz vernünftiger Usus war, während der Schulzeit auch ein wenig praktisch gearbeitet, und das eben bei der Rinderzucht in der VEG Blankenfelde. Im übrigen sagt er von sich selber: Anwalt werden "wollte ich seit dem ersten Tag des Studiums [also mit achtzehn!], und zwar, weil mir vom ersten Tag an klar war, wenn ich überhaupt was kann, ist es verteidigen".