Von Fredy Gsteiger

Wie achtlos weggeworfene Streichholzschachteln liegen die Fertighäuser der russischen Neueinwanderer in der Wüste. Heimisch fühlen sich die olim, die Neuankömmlinge, in der Negev-Stadt nicht. Manchmal fühle er sich als Israeli, meint einer der Sowjetjuden. Ein anderer, der nach über einem Jahr in der neuen Heimat noch keine Arbeitsstelle gefunden hat, leugnet gar jedes Gefühl von Zugehörigkeit. Vom amtierenden Regierungschef, dem 76jährigen Jitzhak Schamir, sind die meisten enttäuscht; nach einem Jubelempfang mit Davidstern-Wimpeln und patriotischen Liedern hielt seine Likudregierung ihre Versprechen an die Einwanderer nicht. Aber auch der siebzigjährige Herausforderer Jitzhak Rabin von der Arbeiterpartei erscheint den mehrheitlich jungen Russen nicht unbedingt als Mann für morgen. So wenden sich viele vom Getöse des Wahlkampfes ab.

Unter den länger eingesessenen Israelis wiederum gilt es derzeit geradezu als schick, den Politikern den Rücken zu kehren. Die Zeiten sind vorbei, als Tausende innerlich Haltung annahmen, wenn der Name Begin fiel, und Begeisterungsstürme ausbrachen, sobald von der Tribüne die Worte "Eretz Israel" ertönten. Aus Angst vor leeren Stuhlreihen sagen die beiden großen Parteien ihre traditionellen Massenveranstaltungen ab. Die politische Zunft fürchtet die Konkurrenz der Fußballeuropameisterschaft. Die gequält schmissigen Wahlsongs der Großparteien würden bei Eurovisions-Schlagerwettbewerben (bei denen Israel sonst ganz gut abschneidet) durchfallen. In diesem Land, das bislang als politisiert wie kein zweites galt, fehlen plötzlich freiwillige Kampagnehelfer, sind Aufkleber auf Autos und Parteiflaggen in den Wohnungsfenstern diesmal rar.

Israel wird immer mehr ein ganz normales Land: vergnügungssüchtig, politikverdrossen, individualistisch und materialistisch. Der jüdische Staat ist gut vier Jahrzehnte nach seiner Gründung der Welt beigetreten. Er liefert heute das Dekor zu einem Fellini- und nicht mehr zu einem Bergman-Film. Zumindest auf den ersten Blick.

Dabei mühen sich die Parteien nach Kräften. Gleich zweieinhalb Dutzend buhlen um die Wählergunst für den 23. Juni. Obgleich die Sperrhürde von einem auf eineinhalb Prozent der Stimmen heraufgesetzt worden ist, haben viele Parteien eine Chance, in die Knesset einzuziehen. Mit gut 20 000 Stimmen ist man dabei. Sechs Minuten Fernsehzeit umsonst will sich keine entgehen lassen – auch nicht die Orthodoxen, die sonst wettern, wenn weniger strenggläubige Juden am Freitagabend, nach Sabbat-Beginn, die sündige Mattscheibe einschalten. Selbst die Taxifahrer haben eine eigene Partei. Eine Liste, Gesetz der Natur, dem bisherigen Finanzminister Modai sind sich nur über eines im klaren: Sie treten "jeder Koalition" bei. Malhut Israel will den dritten Tempel auf Jerusalems Tempelberg bauen, auf Pfählen, damit darunter eine Moschee Platz hat. Rabbi Mosche Levinger wiederum ist auf Kreuzzug gegen die Araber; nicht mit der Thora, sondern mit der Flinte in der Hand will der schießwütige Mann Gottes wirken. Die "traditionellen Rechtsextremen" sind ihm alle zu lau. Er liefere die Ware mit den Rezepten, lautet der Wahlspruch von Mosche Badasch; sein Geschäft ist weniger die Politik, vielmehr der Handel mit Würstchen und Salaten. "Pikanti" heißt seine Knesset-Liste.

Wer sich Gel in die Haare schmiert, wer zehn Sprachen spricht und wer am Feierabend Handball spielt – alles wird offengelegt. Um die politischen Ziele indes werden Schleier gehüllt. Die Botschaften kommen jedenfalls beim Wähler nicht an. Um so mehr Aufsehen erregte ein Knesset-Kandidat und ehemaliger Offizier, als er prahlte, alle Bevölkerungsgruppen erreichen und überzeugen zu können. Der Mann war seinerzeit aus dem Sicherheitsapparat geschaßt worden, weil er Araber gefoltert haben soll. Solche Methoden wollen die Parteien in ihrer Überzeugungsarbeit denn doch nicht anwenden ...

Klamaukstunde, spotten die Israelis, wenn allabendlich Wahlspots flimmern. Die besten Pfeile im Köcher hat im Moment die oppositionelle Arbeiterpartei; die giftigsten schießt der Likud ab. Noch vor wenigen Monaten steckte die große Arbeiterpartei Ben Gurions in einem Formtief. Ausgerechnet ihr siebzigjähriger neuer Führer Jitzhak Rabin bringt nun ein frisches Lüftchen in den verkrusteten Apparat. Der Mann war schon alles, was hier zählt – Generalstabschef, Botschafter in Washington, Verteidigungs- und Premierminister. Was will er noch werden? Erneut Regierungschef! Die Chancen stehen nicht schlecht.