Zum 91. Deutschen Katholikentag in Karlsruhe, der sich in diesen Tagen unter anderem mit der "besonderen Verantwortung für Benachteiligte und Schwache" beschäftigt, hatte sich gutgläubig auch der "Bund der ‚Euthanasie‘-Geschädigten und Zwangssterilisierten" angemeldet. Klara Nowak, die Vorsitzende des Bundes, hatte dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken geschrieben: "In unserem Kreis haben viele Menschen den katholischen Glauben, und ich denke, daß wir uns und unsere Geschichte auch in Ihren Kreisen bekanntmachen sollten."

Das Zentralkomitee ließ sich mit einer Antwort viel Zeit und beschied Klara Nowak dann, nur katholische Organisationen dürften ihre Aktivitäten darstellen, die Mitglieder des Bundes der "Euthanasie"-Geschädigten möchten Verständnis haben, aus grundsätzlichen Erwägungen nicht mitwirken zu können. Diese, bei evangelischen Kirchentagen schon zu Gast, fühlen sich nun wieder einmal abgelehnt und unerwünscht.

Unter den Enttäuschten ist der pensionierte Polizeibeamte Josef Simon. Er ist im schlesischen Wartha aufgewachsen und stammt aus gut katholischem Hause. Simom war fünfzehn Jahre alt, als seine Mutter 1941 in der "Euthanasie"-Anstalt Sonnenstein (Pirna) durch Gas ermordet wurde. Zum Schmerz um ihren Tod gesellte sich bald Entsetzen über die eigene Kirche.

Die Hinterbliebenen erhielten damals von der Anstalt ein Schreiben, in dem es hieß, daß der Leichnam der Verschiedenen aus "seuchenpolizeilichen" Gründen habe eingeäschert werden müssen und daß man um Mitteilung bitte, sollte die Zusendung der Urne gewünscht werden. Daß die Kranke ermordet worden war und daß die Urne niemals die Asche der Toten enthalten hätte, konnten sich die Angehörigen zu dieser Zeit nicht vorstellen.

Zunächst gingen die Mutter und zwei Schwestern der Verstorbenen zum Pfarrer, um die Trauerfeier zu regeln. Dort hörten sie, nach Kirchenrecht sei Katholiken die Feuerbestattung verboten, der Pfarrer dürfe deshalb keine Beerdigung vornehmen und das Urnengrab auch nicht segnen. Die Familie war fassungslos: Die Tote, der katholischen Lehre treu ergeben, war ohne Sterbesakramente gestorben und sollte nun ohne kirchliches Begräbnis bleiben.

In seiner Seelennot schlug der Ehemann der Verstorbenen vor, die Urne in einen Sarg zu stellen und so beizusetzen. Doch der Pfarrer blieb hart. Den letzten Versuch, ihn umzustimmen, unternahm die Mutter der Getöteten: Sie wollte die Urne in einer Tasche zum Gottesdienst mitnehmen, damit so beim Segen des Pfarrers auch die Asche in der Urne gesegnet würde. Der Pfarrer lehnte auch dies ab.

Josef Simon lebt heute im pfälzischen Oggersheim. Im letzten "Euthanasie"-Prozeß in Frankfurt/Main wurde er 1986 als Nebenkläger zugelassen. Während des Prozesses erfuhr er, daß einer der an der Vergasung beteiligten Ärzte, einer, der sich nicht scheute, im Gerichtssaal die Ermordeten noch immer als "tierhafte Wesen" zu beleidigen, wieder in Ehren in die katholische Kirche aufgenommen worden war. Die Erkenntnis, daß dieselbe Kirche, die dem Mörder die Ehre erwies, der ermordeten Mutter die letzte Ehre versagt hatte, traf ihn hart.