Der letzte Gipfel der Supermächte in Washington vor genau zwei Jahren stand ganz im Schatten des Duells zwischen dem sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow und dem damals gerade gewählten russischen Parlamentspräsidenten Boris Jelzin. George Bush spielte nur den Sekundanten – den Sekundanten seines Gastes Gorbatschow. In dieser Woche empfing er den späteren Sieger des Duells, auf dessen Seite er sich zur rechten Zeit gestellt hatte. Schon bei Jelzins erstem Amerika-Besuch in diesem Jahr hatten beide Präsidenten Ende Januar gemeinsam erklärt: „Rußland und die Vereinigten Staaten betrachten einander nicht länger als potentielle Gegner. Von nun an wird ihr Verhältnis von Freundschaft und Partnerschaft charakterisiert sein...“

Das Protokoll dieser Woche war dazu angetan, die Partnerschaft zu bekräftigen. Dabei wächst freilich die Neigung, Jelzin und Rußland als Juniorpartner anzusehen: Partnerschaft – ja, Parität – wozu noch? Die New York Times mokierte sich schon am Vorabend des Besuches. Die „nationalen Schlußfolgerungen“, die „einige Amerikaner“ aus dem Ende des Kalten Krieges zögen, lauteten schlicht: „Rußland, nicht länger Weltmacht und ohne Feinde, sollte seine Rüstung dementsprechend abbauen. Die Vereinigten Staaten, weiter Weltmacht und exponiert, müssen deshalb besser bewaffnet bleiben.“

Dies wäre in der Tat ein bitterer Trugschluß: Rußland ist noch immer eine militärische Weltmacht und hat unter seinen Nachbarn keineswegs nur Freunde. Vor allem aber besitzt Moskau weder ein gesichertes Konzept noch klare Konturen für die Gestaltung seiner Außenpolitik. Für die neue Identitätsbildung und Interessenvertretung der Großmacht kann es weder beim Zarenreich noch bei der Sowjetmacht Anleihen geben, ohne die Beziehungen zu den meisten GUS-Staaten zu belasten.

Obwohl das russische Außenministerium schon im Februar eine spezielle Abteilung für die GUS-Staaten eingerichtet hat, sind die Spannungen vor allem mit Moldowa, der Ukraine und Aserbeidschan größer als erwartet. Jelzins erklärte außenpolitische Zielsetzung, Rußland in die „zivilisierte Staatengemeinschaft“ zu führen, ist aber permanent bedroht, solange Argwohn und Attacken die nachbarschaftlichen Beziehungen prägen. Der neue russische Verteidigungsminister Pawel Gratschow hat schon mehrfach den Einsatz von Truppen in anderen Staaten der GUS befürwortet, sollten dort Rechte und Würde der russischen Minderheiten verletzt werden.

So verzerrt der innenpolitische Machtkampf zwischen Demokraten und Soldaten, Patrioten und Veteranen ständig die ohnehin noch verschwommenen Definitionen der nationalen Interessen Rußlands. Jelzin, der sich immerhin um eine maßvolle Profilierung bemüht, braucht deshalb tatkräftige und nicht schulterklopfende Unterstützung bei Gipfeln und Gastspielen im Westen. C. S.-H.