Als vor der Frankfurter Börse kürzlich ein großes Zelt aufgebaut wurde, schöpften bereits die Freunde edler Straßenfeste Hoffnung. Aber vergebens. Das Zelt diente der Selbstdarstellung eines Börsenneulings, der Röder Zeltsysteme und Service AG. Die Chancen, daß die Anleger an Röder soviel Freude haben werden wie die Weinliebhaber an Frankfurter Straßenfesten, stehen eins zu drei. Das nämlich etwa ist die „Trefferquote“ für erfolgreiche Beteiligungen an Börsenneulingen des vergangenen Jahres.

In den achtziger Jahren galten Neuemissionen als sicherer Tip für erfolgreiche Geldanlagen. Regelmäßig waren die Angebote überzeichnet, es gab sehr viel mehr Interessenten als neue Aktien. Rund die Hälfte der Erstzeichner verkauften die Aktien am Tag der ersten Börsennotierung und fuhren schon Gewinne ein. Damals herrschten allerdings auch andere Verhältnisse am Aktienmarkt: Die Börse boomte, Emissionspreise wurden leicht von der Hausse nach oben gerissen. Die Zeiten sind vorbei. Beim Vergleich der Emissionspreise mit den Jahresabschlußkursen mußten 1990 von 24 Börsenneulingen 11 Kurseinbußen eingestehen. Im vergangenen Jahr sind von 19 neuen Aktien immerhin 9 mit Verlusten ins neue Jahr gegangen. Und gemessen an den aktuellen Kursen, stehen sogar nur 6 Neulinge des vergangenen Jahres im Plus.

Zu den Börsenflops des Jahres 1991 gehören die Aktien der Aachener und Münchner Leben. Die Dresdner Bank als Konsortialführerin hatte sie mit 1600 Mark emittiert. Der Tag der ersten Kursnotierung an der Börse fiel dann mit dem Putschversuch gegen Gorbatschow zusammen. Es kam nur ein Taxkurs heraus: Die Angebote lagen so weit auseinander, daß die Börsenaufsicht den Tageskurs auf 1500 Mark schätzte. Lange konnten sich der Versicherungskonzern und die Dresdner Bank hinter dem Putsch als Pech für die AMB-Leben-Aktien verstecken. Doch die Börse bewertete das Papier immer niedriger, zum Jahreswechsel mit nur 1120 Mark. Damit war AMB-Leben der absolute Verlierer unter den Börsenneulingen des vergangenen Jahres. Offenbar hatte der feinnervige Kapitalmarkt Vorsicht gegenüber der AMB-Tochter walten lassen, deren Mutter jetzt vorgeworfen wird, bei der eigenen Kapitalerhöhung das Aktienrecht umgangen zu haben.

Kursverluste findet man bei den Börsenneulingen des vergangenen Jahres sehr häufig, Kursgewinne hingegen nur selten. Jahresgewinner war ein Nebenwert, die Eifelhöhenklinik aus dem geregelten Markt in Düsseldorf. Die Klinik-Papiere erzielten dort binnen eines halben Jahres ein Kursplus von knapp 49 Prozent. Nur ein marktbreiter Wert wies 1991 einen guten Kursgewinn aus, die aus Bundesbesitz privatisierte Depfa-Bank legte bis zum Jahresende um 18,5 Prozent zu.

Die Situation im laufenden Jahr sieht nicht viel besser aus. Seit Janaur gab es fünf Neueinführungen an der Börse – neben dem hessischen Zeltbauer Röder noch der Bauzulieferer Sto, die Baugesellschaft Walter Bau, das Textilunternehmen Rheiner Moden und die Böwe Systec AG, die unter anderem Falz- und Sortiermaschinen herstellt. Diese fünf Unternehmen, der Zahl nach ein Viertel der Börsenneulinge von 1991, kamen mit nominal 632,5 Millionen Mark auf den Markt. Das ist nur ein Fünftel des Emissionsvolumens aus dem ganzen Jahr 1991. Ausgesprochene Flops sind offenbar nicht dabei. Die Kurse der diesjährigen Neulinge schwanken aber in einem ganz engen Rahmen, der Börsianer spricht von Seitwärtsbewegung. Rheiner Moden zum Beispiel waren im Mai mit 390 Mark auf den Markt gekommen. Seitdem hat die Aktie einen Höchstwert von 395 Mark und ein Kurstief von 392 Mark gesehen. Berufshändler vermuten, die Emissionsbanken pflegten die Kurse ihrer Schützlinge, um negative Schlagzeilen zu vermeiden. Viel Geld kostet die Kurspflege nicht. Denn schon mit 200 Stück Aktien lassen sich auf diesen engen Märkten die Kurse beeinflussen.

Neuemissionen sind für viele Anleger uninteressant geworden. Das hat verschiedene Gründe. Einer davon ist, daß die Anleger immer weniger die Preisforderungen der Börsenneulinge akzeptieren. Das hat die Emissionshäuser, also die Banken, vorsichtiger werden lassen. Aber die Börsenneulinge ziehen von Bank zu Bank, spielen eine Konsortialabteilung gegen die andere aus, bis sie ein Institut gefunden haben, das ihre Preisvorstellungen weitgehend akzeptiert. Doch was die Konsortialabteilungen verdienen, verspielen die Banken häufig bei der Anlageberatung. Sie müssen ehrlicherweise oft zur Zurückhaltung raten oder verlieren ihr gutes Image, wenn sich die Kaufempfehlung als Niete herausstellt.

Häufig kommt der Gang an die Börse auch zu früh. Zwar ist nach einer Untersuchung der Düsseldorfer Unternehmensberatung Droege & Comp für fast 82 Prozent der potentiellen Börsenkandidaten eine „abgesicherte Ertragslage“ zentrale Voraussetzung für den Börsengang. Aber die Gewinnschätzungen für das Jahr 1991 der Börsenneulinge des Jahres 1990 erwiesen sich zur Hälfte als zu hoch.