Eigentlich paßt die Biographie nicht auf den Träger des diesjährigen Friedenspreises des deutschen Buchhandels: Im Sechstagekrieg hat er in einer Panzereinheit im Sinai gekämpft, im Jom-Kippur-Krieg focht er auf den Golanhöhen. Und die deutsche Friedensbewegung nennt er „sentimental“. Make love not war ist für Arnos Oz ein dämliches Schlagwort. Andererseits hat der 53jährige Israeli, dessen Bücher in über zwanzig Sprachen übersetzt sind, mehr für den Frieden getan als manch europäischer Pazifist, der buntbemalte Bettücher mit Antikriegsparolen schwenkt.

Am Ende der Nof Street von Arad, wo Arnos Oz seit sechs Jahren lebt, beginnt unmittelbar die Wüste. Nach über dreißig Jahren Kibbuzleben ist er nicht ganz freiwillig hierher, in den Negev, ans Ende der Welt, gezogen. Doch hier kann sein asthmakranker Sohn atmen. Und Oz auch.

Im übrigen weiß Amos Oz durchaus, daß er eine politische Figur ist. In dieser Rolle ist er womöglich wichtiger denn als Literat. Literaten hat Israel viele. Im Zentrum der Macht leben möchte er jedoch nicht. „Ich habe das Temperament eines politischen Guerilla. Wut und Frustration zwingen mich, aus meinem Versteck hervorzubrechen und mit einem Buch oder einem Essay zuzuschlagen. Dann verberge ich mich wieder.“

Schon Staatsgründer Ben Gurion war von dem jungen Oz (der eigentlich Klausner hieß und sich den hebräischen Namen für „Mut“ oder „Stärke“ selber zulegte) beeindruckt. Ministerpräsident Peres sah in ihm einen „exzellenten“ israelischen Regierungschef. Oz winkt ab: „Ich bin kein Václav Havel. Ich bin Geschichtenerzähler. Das reicht!“ Doch dann fügt er schmunzelnd an: „Nun gut, wenn man mir die Tschechoslowakei anböte...“, um den Scherz schnell beiseite zu wischen: „Nein, ich bin für dieses Amt nicht qualifiziert.“

Gleichwohl verkörpert Amos Oz das heutige Israel weit besser als die beiden greisen Kämpen, die tatsächlich Premierminister werden wollen. Nicht, daß Oz typisch wäre für Israel. Typisch ist hingegen für Israel, daß es einen wie ihn gibt. „Wir sind das Land des anarchischen Individualismus. Das ist das beste an diesem Staat. Jeder Taxifahrer weiß hier eine Lösung zur sofortigen Rettung der Nation in drei einfachen Schritten.“

Immerhin vermutet Amos Oz, daß „meine Vorstellungen immer weiter verbreitet sind“. Fast jeder zweite Israeli ist heute grundsätzlich bereit, Land gegen Frieden einzutauschen; vor zwanzig Jahren war das kaum einer. In seinen Büchern, deren weltweit bekannteste wohl „Blackbox“, „Mein Michael“ und „Eine Frau erkennen“ sind, beschreibt Oz sein Land und die Israelis. Frühmorgens geht er in der Wüste spazieren, dann trinkt er Kaffee und setzt sich hernach in seiner wegen des wuchernden Gartens dämmrigen Studierstube im Keller hin und überlegt, „was wäre, wenn ich er oder sie wäre“.

Das Israelbild, das er auf diese Weise einfängt, entspricht kaum den gängigen Vorstellungen und Vorurteilen. Und es ist – wirklichkeitsgetreu – voller Widersprüche. Er zeichnet ein lebensfrohes, leidenschaftliches, vielfältiges, ein eigentlich ganz normales Volk – wäre da nicht diese leidige Frage, dieser ewige Alptraum um Leben und Tod. „Dieses Problem stellt sich halt auch Leuten, die im Grunde eher an gutem Essen interessiert sind.“ Solange es Millionen von Menschen gebe, die denken, Israel sollte nicht existieren, könne Israel kein völlig normales Land sein. Und es darf sich nur wenige Fehler erlauben.