Von Martin Sabrow

Der Tag, an dem Walther Rathenau zum letztenmal aus seinem Haus im Berliner Grunewald trat, um zu einer Attachéprüfung in das Auswärtige Amt zu fahren, war ein regenverhangener Sonnabend. Dennoch blieb das Verdeck seines kleinen NAG-Wagens wie üblich zurückgeschlagen, als sich der Reichsaußenminister kurz vor elf Uhr vormittags an diesem 24. Juni 1922 die Koenigsallee hinauffahren ließ, die den Grunewald mit dem Kurfürstendamm verbindet. Vor einer S-Kurve, an der mehrere Straßen abzweigten, mußte Rathenaus Fahrer sein Tempo wegen eines vor ihm herzuckelnden Fuhrwerkes verlangsamen. Weder er noch Rathenau hatten bemerkt, daß gleich nach ihrer Abfahrt aus einer Nebenstraße ein starkmotoriger brauner Mercedes, dessen drei Insassen ebenfalls bei offenem Verdeck fuhren, hinter ihnen in die Koenigsallee gebogen war und nun vor der unübersichtlichen Kurve zum Überholen ansetzte.

Ein Bauarbeiter wurde Zeuge der folgenden Szene: „Als das große Auto etwa um eine halbe Wagenlänge vorüber war und der einzelne Insasse des anderen Wagens nach rechts hinübersah, ob es wohl einen Zusammenstoß geben würde, bückte sich der eine Herr in dem feinen Ledermantel nach vorn, ergriff eine lange Pistole, deren Kolben er in die Achselhöhle einzog, und legte auf den Herrn in dem anderen Wagen an.“

Von fünf Schüssen in Rücken, Hals und Kiefer getroffen, sank der ungeschützt im Fond sitzende Rathenau in sich zusammen; im selben Moment erhob sich der zweite Attentäter und schleuderte eine Eierhandgranate in den Ministerwagen, deren Explosion den Körper des schon tödlich getroffenen Außenministers hochschleuderte, während das demolierte Auto an der Straßenecke zum Stillstand kam; die Attentäter aber waren mit aufheulendem Motor bereits durch eine Seitenstraße entkommen.

Die Erschütterung über Rathenaus Tod sprengte jedes Maß. Der Reichstag verwandelte sich in ein Tollhaus: Abgeordnete der Linken stürzten sich auf die der Rechten und drängten sie unter Schlägen aus dem Plenarsaal; ihre besondere Empörung galt dem deutschnationalen Politiker Karl Helfferich, der noch tags zuvor die Außenpolitik Rathenaus als Vaterlandsverrat gebrandmarkt hatte. Die „Mörder“-Rufe gegen den bleich in seiner Abgeordnetenbank sitzenden Helfferich überschlugen sich, als zu Beginn der Trauersitzung am Nachmittag ein Blumenstrauß mit schwarzweißroten Schleife auf seinem Pult lag, abgegeben von einem völkischen Verehrer.

Auch der spätere Rathenau-Biograph Harry Graf Kessler notierte aufgewühlt: „Jetzt muß der Reichstag aufgelöst und endlich mit den Mördern von der Rechten wie Helfferich usw. abgerechnet werden. Helfferich ist der Mörder, der wirkliche, verantwortliche.“ Thomas Mann wandelte sich unter dem „schweren Choc“ des Mordes endgültig zum Republikaner. Im Reichstag wuchs Reichskanzler Joseph Wirth über sich hinaus und rief, an die Abgeordneten der Rechten gewendet: „Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel, dieser Feind steht rechts!“ Das Sitzungsprotokoll verzeichnet an dieser Stelle: „Stürmischer, lang anhaltender Beifall und Händeklatschen in der Mitte und links und auf sämtlichen Tribünen. Große, lang andauernde Bewegung.“