Von Barbara Ungeheuer

Welch perfekte Zielgruppe für gewisse Pharmakonzerne, Marketingchefs hätten sie sofort erkannt: Vierzehn berufstätige Frauen feierten den 50. Geburtstag ihrer besten Freundin in London. Unter den Gratulantinnen schien keine einzige bereit, ihr gewisses Alter an die große Glocke zu hängen. So als gelte es, die Fünfzig als Schamgrenze zu meiden. Die mitgebrachten Geschenke untermalten ironisch den angekränkelten Selbstwert. Eine Journalistin hatte in Paris seidene Unterwäsche gekauft; Joan, eine Biologin, brachte "Superman", aufblasbar, wo es zählt, aus ihrem Labor. Nach einigen Gläsern Champagner begannen auch die sprichwörtlichen stiff upper lips der Engländerinnen aufzutauen: Alle wollten sie über "das eine" reden, das ihnen das einstige Enfant terrible der Frauenbewegung, Germaine Greer, in ihrem inzwischen auch in Deutschland erschienenen Buch "Wechseljahre" aufbereitet hat: Was ist die Menopause, und wie ist mit dieser Lebensphase umzugehen? Ein Thema, über das ihre Mütter selbst hinter kühlendem Fächer nicht einmal geflüstert hätten.

Sarah, die nach der Geburt ihrer drei Kinder Medizin studierte und jetzt auf dem Land praktiziert, erinnerte an eine Feier vor 25 Jahren. Damals war es um das Für und Wider der Pille, Spirale und Hormonzugabe bei Schwangerschafsbeginn gegangen. "In jeder Lebensphase scheinen wir die Versuchskarnickel zu sein." Allein die an diesem einen Tisch zitierten Auffassungen der konsultierten Ärzte schienen Sarah recht zu geben. Und die Behandlungspalette zur Menopause reichte von einer Hormontherapie schon während der Perimenopause (ab vierzig) bis zur vehement vertretenen Null-Behandlung – vom aufmunternden Schulterklopfen und der Mahnung an die bald wieder fällige Mammographie abgesehen.

Skeptisch und informiert

Janet, eine Wohnungsmaklerin, alleinstehend und seit Jahren geschieden, brachte mit der Geschichte über ihren Gynäkologen, der, wie sie lachend vermerkte, "auch Maggie Thatcher behandelt", die Diskussion auf den Siedepunkt. Dieser Arzt hatte ihr, ohne nach ihren Lebensumständen zu fragen, nicht nur die in England bevorzugte Östrogenkapsel unter die Haut eingepflanzt, sondern auch das Libido stimulierende männliche Hormon Testosteron beigemischt. "Ich war nahe dran, mich am Briefträger zu vergehen."

Wie Millionen anderer Frauen in der westlichen Welt fühlen sie sich alle überwältigt von den wöchentlich publizierten Daten einschlägiger Studien aus Schweden, Großbritannien, den USA, deren Schlußfolgerungen oft diametral auseinanderklaffen. Als seien sie alle von Gott begnadete Heilslehrer, stehen die Vefechter der Ersatzhormontherapie den Puritanern gegenüber, die das Krebsgespenst auf jede Östrogenpackung malen. Gynäkologen in Frankfurt, Paris oder San Francisco sind ihre Jünger, festgezurrt im Glauben an die übernommene Besserwisserei. Dabei steht eines fest: Die weibliche Gesundheitsvorsorge steckt in den Kinderschuhen. Erst seit die Lebenserwartung der Frau von 51 auf 81 Jahre gestiegen ist, hat die Medizin damit begonnen, sich auch um die Frauen vorsorglich zu kümmern.

Es ist kaum anzunehmen, daß es altruistische Gründe waren, die die Chemieindustrie während der letzten Jahre ermuntert haben, das Klimakterium als forschungswürdiges Projekt zu finanzieren. Entscheidend waren sicherlich die enorm lukrativen Marktprognosen. Denn inzwischen geht es nicht mehr allein um die ein-, zweijährige Behandlung einer Minderheit von Frauen, die unter den typischen Beschwerden wie Hitze Wallungen, Schlaflosigkeit, Konzentrationsmangel, Trockenheit der Vagina, Haarausfall, trockene Haut und Depression leiden. Es geht um die Langzeittherapie mit Östrogen, das die Frauen in den Wechseljahren und dann bis an ihr Lebensende einnehmen sollen, um zwei entscheidende Präventivfunktionen zu erfüllen: