Eine Stelle im „höheren öffentlichen Dienst“ einer deutschen Universität wird frei. Sie wird in der ZEIT ausgeschrieben. Eine deutsche Mutter bewirbt sich. Die Stelle verlangt ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Die Bewerberin hat in den Vereinigten Staaten promoviert. Die Stelle verlangt ausgedehnte Nordamerika-Erfahrungen. Die Bewerberin hat auch lange in Kanada gelebt und studiert. Die Stelle verlangt ausgezeichnete Kenntnisse in Englisch, Deutsch und Französisch. Die Bewerberin ist dreisprachig.

Zur Aufgabe zählen zwei Reisen nach Nordamerika im Jahr. Aus dem Lebenslauf der Mutter ist ersichtlich, daß sie als freiberufliche Journalistin schon viel gereist ist und als Akademikerin regelmäßig an Tagungen in Nordamerika, der Karibik und Europa teilnimmt. Aus dem Lebenslauf dieser berufstätigen Frau ist allerdings nicht ersichtlich, daß sie auch vier Kinder hat. Möglicherweise kommt es nur deshalb zum Vorstellungsgespräch.

Am Tisch sitzen ihr drei ältere Herren gegenüber, ein vierter schaut von der Seite zu. Anwesend ist auch der Kanzler der Universität. In kurzer Zeit stellt sich heraus, daß die Mutter Mutter ist. Oh! Jetzt wird es kompliziert. Kann eine Mutter morgens um acht am Schreibtisch sitzen? fragt der Kanzler. Kann sie Dienstreisen nach Amerika unternehmen? Kann man von ihr Zuverlässigkeit, Regelmäßigkeit und Durchhaltevermögen erwarten?

Und es wird noch komplizierter, denn diese Mutter hat keinen Mann. Kann sie mit vier Kindern, aber ohne Mann dieser anspruchsvollen Stelle gerecht werden? Daß sie in einer solchen Situation auch an einer anspruchsvollen Universität promovierte, muß sie als Beweis ihrer Fähigkeiten selber anführen.

Es kommt aber noch schlimmer. Der Kanzler hat nämlich festgestellt, daß unter den Publikationen und öffentlichen Vorträgen der Mutter einige Titel auf feministische Interessen hinweisen. Der Kanzler bittet sie, ihm seine Besorgnis darüber zu nehmen. Kann die Mutter ihm bestätigen, daß sie sich nicht als radikale Feministin versteht? Die Uni sei ja voll von Frauen, und viele davon seien in Verwaltungsstellen ... Die Mutter erinnert sich auch sofort, einige Frauen in Vorzimmern gesehen zu haben.

Ob sie den Kanzler mit ihrem Hinweis auf Kinder und viele unterschiedliche Interessen die Besorgnis nimmt, weiß die Mutter nicht. Inzwischen ist es ihr vielleicht auch schon egal. Egal ist ihr aber nicht der Rat, den der Kanzler ihr wohlmeinend mit auf den Weg gibt: Sie solle sich eine Oma fürs Grobe nehmen. Eine Oma ist ja auch eine deutsche Mutter. Sagen wir lieber die Mutter fürs Grobe. Luise von Flotow