Fragen an Oskar Lafontaine bleiben natürlich. Aber noch interessanter werden allmählich einige Rückfragen an andere. Zum Beispiel an Professor Ulrich Battis. Der Hagener Experte für Beamtenrecht hat am Freitag, dem 12. Juni, in seinem Gutachten zu dem Fall befunden, aktuelle Ruhegehaltsansprüche aus seiner Zeit als Saarbrücker Oberbürgermeister stünden Lafontaine nicht zu. Die Ausgleichszahlungen, die er bekommen hat, seien eindeutig unrechtmäßig. Zwei Tage vorher allerdings hatte Battis nur ganz vorsichtig in einem Rundfunkinterview formuliert, diese Ausgleichszahlungen hätten „nach dem Sinn des Gesetzes nicht geleistet werden dürfen“. Und einen Tag vorher erklärte er der Westfälischen Rundschau: „Ich denke, ich werde zu dem Ergebnis kommen, daß man in einer sehr großzügigen, extensiven Interpretation des geltenden Rechts zu einer Bejahung dieses Anspruchs kommen kann. Ich persönlich bin aber der Meinung, daß hier ein Wertungswiderspruch innerhalb des unklaren Beamtengesetzes vorliegt.“

Rechtsmäßig oder rechtswidrig? Täuscht der Eindruck, daß auch der Experte Battis in Wahrheit nicht ganz durchschaut und in seinem Urteil heftig schwankt? Wenn aber Lafontaine rechtswidrig Geld erhielt, wer hat das Beamtengesetz so interpretiert oder gebeugt? Lafontaine hat sich die Bescheide doch schließlich nicht selbst ausgestellt.

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In der Regel läßt sich Helmut Kohl keine Gelegenheit nehmen, den „Sozen“ am Zeug zu flicken. Beim kleinen Parteitag in Bonn aber erwähnte er weder die Sozialdemokraten noch gar Oskar Lafontaine. Vage, aber spürbar besorgt, sprach er von „schwierigen Zeiten“ für die klassischen Volksparteien. Überall kämen populistische Protestbewegungen auf. Und dann versuchte er, den Gründen dafür nachzuspüren. Kohl ist viel zu sehr Profi, um zu übersehen, daß es derzeit nicht um Lafontaine geht, sondern um viel mehr. „Die Zukunft gehört den interessanten Parteien“, verkündete CDU-Generalsekretär Peter Hintze. In seiner Krisendiagnose folgt er also dem Urteil, das lange Zeit (und vergeblich) Heiner Geißler seiner Partei nahezubringen versuchte. Jetzt folgt das späte Erwachen. Vielleicht hätte sich die CDU doch früher „vergeißlern“ sollen? Gunter Hofmann