Von Ulrich Schiller

Der republikanische Senator Lugar drängt Präsident Bush zum Handeln: "Es ist Zeit, die Grenze zu ziehen." Lugar steht nicht allein mit der Überzeugung, daß den serbischen Freischärlern in den Bergen um Sarajevo und ihrem doppelzüngigen Hintermann Slobodan Milošević jetzt die Faust unter die Nase gehalten werden müsse, um dem Mord und der Zerstörung in Bosnien-Herzegowina ein Ende zu bereiten.

Der Geduldsfaden in der Sarajevo-Tragödie reißt Republikanern und Demokraten im Senat gleichermaßen. Die einen empfehlen ein Ultimatum, andere die sofortige UN-Autorisierung von Jagdbombereinsätzen gegen die Gebirgsstellungen der Armee-Einheiten des Generals Mladić und des fanatischen Serbenführers Radovan Karadžić. Am Donnerstag voriger Woche hat das Senatsplenum in einer Resolution an den Präsidenten Bush appelliert, auf den Weltsicherheitsrat einzuwirken, damit dieser dem Generalsekretär den Auftrag zur Vorbereitung einer militärischen Intervention erteile. De facto bedeutet die Resolution, so ihr Initiator Senator Levin, daß der Senat "dem Präsidenten der Vereinigten Staaten erklärt: Machen Sie einen Plan, und bereiten Sie ein Budget vor, um die Jugoslawien-Resolutionen (der Vereinten Nationen) mit militärischer Gewalt durchzusetzen". Im Kongreß also war die verzweifelte Lobby des bosnischen Außenministers Silajdžić nicht ganz ohne Ergebnis. Silajdžić hat in Washington unermüdlich für seine Ansicht geworben, daß die serbischen Fanatiker ohne einen harten Denkzettel nicht zur Räson zu bringen seien.

Der Präsident aber will kein amerikanisches Militär im jugoslawischen Bürgerkrieg einsetzen. "Wir sind nicht der Welt-Gendarm", sagt Bush. Vorwürfe, er verhalte sich wie Chamberlain in München, lassen ihn kalt. Es ist Wahlkampf, und das große Publikum vermag nicht zu erkennen, daß die Vereinigten Staaten nach dem Ende der Sowjetunion auf dem Balkan noch lebenswichtige Interessen hätten. Bush wird von wesentlichen Kräften in seiner Regierung bestärkt: von Sicherheitsberater Scowcroft und Verteidigungsminister Cheney samt der militärischen Führungsspitze. "Zu zwei Dritteln Libanon, zu einem Drittel Vietnam", so hat ein Militär die Eingriffsrisiken beschrieben. Isolierte Bombereinsätze gegen die serbischen Freischärler hält das Pentagon für sinnlos. Wenn schon eine Intervention, dann müsse es ein kombinierter Einsatz großen Stils von Luft- und Bodeneinheiten sein, so wird argumentiert. Der Respekt vor den Partisanen Titos wirkt noch immer nach.

Sofern es in der Regierung Bush überhaupt einen Befürworter militärischer Drohung gibt – beschränkt zunächst auf Sicherung und Schutz von Hilfsaktionen für Sarajevo –, ist es nach Informationen von Insidern Außenminister Baker. Die Rolle Amerikas in einer Krise, die zwar regional begrenzt ist, aber angesichts des nationalistischen Fiebers in ganz Ost- und Südosteuropa ein unkalkulierbares Potential für Weiterungen birgt, kann für Baker nicht die eines Zaungastes sein. Leadership als Anspruch und als Aufgabe ist für ihn keine Leerformel.

Der aus Belgrad nach Washington zurückgerufene Botschafter Warren Zimmermann hat die Führungsrolle der Vereinigten Staaten zur Beendigung des Bürgerkrieges mit der "demokratischen Tradition" begründet, die die Völker des ehemaligen Jugoslawien in Amerika erkennen, nicht in Europa. Ganz bewußt habe Washington aber vor einem Jahr die Führungsrolle an die Europäische Gemeinschaft abgetreten, teils weil die EG das so wollte, teils "weil Jugoslawien in Europa liegt". Daß die EG mit sich selbst nicht ins reine kommen würde – wegen Griechenland und wegen Deutschland –, habe man nicht vorausgesehen. Im nachhinein zeige sich, meint Botschafter Zimmermann, daß Washington, anstatt sich abwartend neutral zu verhalten, zu einer losen Konföderation hätte drängen sollen, solange es dafür nicht zu spät war.

Cyrus Vance, der UN-Sonderbotschafter und ehemalige US-Außenminister, läßt weit weniger zarte Rücksichtnahme auf die Europäer walten als Zimmermann. Vance sprach kürzlich bei einem Essen (so berichtet einer der Anwesenden) von einer Schuld der Europäer, besonders der Deutschen, an der Nichtverhütung des jugoslawischen Bürgerkrieges. Manche Balkanexperten in Washington, die die forcierte Anerkennungspolitik Bonns gegenüber Kroatien und Slowenien an der heutigen Lage messen, äußern den Verdacht, der ehemalige Außenminister Genscher sei eben deshalb zurückgetreten. In einem Diplomatenkreis wurde auch daran erinnert, mit welchem Selbstbewußtsein Emissäre Genschers seinerzeit nicht nur die amerikanische Führungsrolle, sondern auch eine übergreifende Einmischung der Vereinten Nationen zurückgewiesen hätten.