Von Dirk Kurbjuweit

Die Frage schien auf der Hand zu liegen. Jeder in Istanbul redet von den fünf türkischen Republiken in der ehemaligen Sowjetunion, die nach dem Zerfall des Riesenreiches nun offen sind für alles, zumal wenn es von den Brüdern und Schwestern aus der Türkei kommt. Die Zeitungen jubeln, und auch Ministerpräsident Süleyman Demirel schwärmt von einer großen Zukunft im Osten, in Asien also. Da muß man den Textilunternehmer Tahir Gürsoy doch fragen dürfen: "Wollen Sie eigentlich noch in die Europäische Gemeinschaft?"

Gürsoy allerdings gibt keine Antwort, sondern stellt selbst eine Frage: "Will die EG uns denn?" Das klingt spitz, wenn nicht sogar beleidigt. Der nicht mehr ganz junge Unternehmer wirkt für einen Moment wie ein Liebhaber, der fürchtet, sein Eheantrag könne zurückgewiesen werden. Aber eine Antwort will er haben, und das ist ein bißchen unangenehm. Denn "ja" kann man nach allem, was so aus Brüssel dringt, guten Gewissens nicht sagen.

Schon 1984 hat die Türkei einen Antrag auf EG-Mitgliedschaft gestellt. Noch immer wird sie vertröstet, während Kandidaten wie Schweden oder Österreich, obwohl viel später ins Rennen gegangen, bald mit Aufnahme rechnen können. Dabei würde Gürsoy so gut nach Europa passen. Ein wenig stolz und in perfektem Deutsch berichtet er, wie er seine Firma, Mithat heißt sie, nach deutschen Kriterien aufgebaut hat. Sein Markt ist Deutschland, und wäre die Türkei in der EG, könnten die Geschäfte noch besser laufen.

Für die Brüder und Schwestern in Asien hat Gürsoy eine Menge Gefühle und viele warme Worte übrig, Geld jedoch nicht. Investitionen dort würden nicht lohnen, zu arm sind diese Völker für Mithats Kollektionen mittlerer Qualität.

Am Abend zuvor war alles ganz anders gewesen. Ali Riza Turan, der sich den Zusatz "Exzellenz" auf seine Visitenkarten hat drucken lassen, mag nicht länger Bittsteller sein. Böse gegen Europa und vor allem gegen Deutschland – die verweigerten Panzer für den Kampf gegen die Kurden sind nicht vergessen –, ist er heilfroh, nun nach Osten ausweichen zu können. Dort ist er nicht Bettler, sondern König.

Turan reist nun viel, vor allem nach Aserbeidschan, wo er für die Pharmaindustrie Türen öffnet. "Das sind riesige Märkte", sagt er; "und wir machen jetzt das Geschäft. Die EG wird es eines Tages bereuen, uns so schäbig behandelt zu haben. Denn wir sind das Tor nach Asien, wo die Zukunft liegt." Ziemlich aggressiv hat er das gesagt.